|
Die Auflösung der ehemals vertrauten Familienstrukturen wird sich durch den demographischen Wandel noch beschleunigen. Auf Hilfe, Halt und Unterstützung durch die eigene Familie werden sich immer weniger Menschen verlassen können. Die dadurch entstehenden Bedarfe professionell bzw. institutionell aufzufangen, ist weder realisierbar noch wünschenswert. Das Mehrgenerationenwohnhaus „Miteinander leben und wohnen“ in Wipperfürth bei Köln ermöglicht neue Formen des intergenerationellen Zusammenlebens. Es orientiert sich am „normalen Leben“, am selbstverständlichen Austausch von Geben und Nehmen zwischen Alt und Jung. Wichtige Voraussetzung dafür ist es, Beziehungen leben und erleben zu können.
Bundesland, Landkreis |
Nordrhein-Westfalen, Oberbergischer Kreis |
Bevölkerung (31.12.2009) |
23.317 |
Entwicklung 2002-2009 (in %) |
0,0 |
Entwicklung 2009-2030 (in %) |
-6,3 |
Räumliche Einordnung |
Agglomerationsräume - Hochverdichtete Kreise |
Demographietyp |
Stabile Städte und Gemeinden im ländlichen Raum mit hohem Familienanteil |
Institutionelles Schubladendenken „sortiert“ Menschen mit verschiedenen Bedürfnislagen auseinander. Durch individuelle Begleitung und separate Wohnraumsuche werden Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung und gemeinschaftlichen Lebenshilfe unter Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen – also Jung und Alt, Behinderte und nicht Behinderte, Singles und Familien - nicht ausgeschöpft, wie sie im „normalen Leben“ eigentlich selbstverständlich sind.
Stärkung der Wünsche nach Individualität, Selbstständigkeit und Geborgenheit im alltäglichen Wohnumfeld Leben in der Balance von Nähe und Distanz in Gemeinschaft und Solidarität Wohnen und Leben im Quartier
In den neunziger Jahren hatten sich die AG „Wohnen“ der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) und die Caritas Betriebsführungs- und Trägergesellschaft (CBT) zunächst unabhängig voneinander mit der Vision eines Miteinander Wohnens und Lebens befasst und sich 1997 mit der Idee zur Schaffung eines Mehrgenerationenhauses zusammen getan. Bereits 1998 wurde die Idee des Mehrgenerationenwohnens der Bevölkerung in Wipperfürth erfolgreich vorgestellt. Auf Grund des großen Interesses und der gezielten Lebensplanung in Verbindung mit dem Vorhaben wurde eine Gruppe von Interessenten gegründet, die sich projektbegleitend alle drei Monate traf. Hier wurden konkrete Erwartungen an die Wohn- und Raumkonzepte formuliert, die in die Bauplanung einflossen. Im zweiten Schritt wurden in dieser Gruppe, die sich in den 5 Jahren mehrmals in der Zusammensetzung veränderte, an den zukünftigen Rahmenbedingungen für ein miteinander leben und wohnen gearbeitet und konkrete Aspekte vereinbart.
Geschaffen wurde nach Bewältigung aller baurechtlichen Hürden und Finanzierungsschwierigkeiten ein Wohnkomplex bestehend aus zwei Häusern mit insgesamt 35 Mietwohnungen sowie einem Gemeinschafts- und Begegnungsraum. 28 Wohnungen wurden aus Mitteln des sozialen Wohnungsbaus gefördert, 7 Wohnungen frei finanziert. Insgesamt stehen 5 verschiedene Wohnungsgrundrisse zur Vermietung vom 35qm Einzimmer-Appartement bis zur 96qm großen Vierzimmer-Wohnung. Die Wohnungen und alle Zugänge auch Verbindungen zwischen den Häusern sind barrierefrei. Die Wohnungen verfügen alle über einen Balkon bzw. Terrasse und Kellerraum, zusätzlich stehen Wirtschaftsräume zum Waschen und Trocknen der Wäsche zur Verfügung. Im Eingangsbereich wurden Stromanschlüsse und Stellflächen für Elektrorollstühle geschaffen. Ein großzügiges Außengelände mit einem in Eigeninitiative erstellten Abenteuerspielplatz lädt zu Aktivitäten und Verweilen ein. Für gemeinsame Aktivitäten der Hausgemeinschaft bietet der Begegnungs- und Kommunikationsbereich mit Teeküche gute Voraussetzungen, in Absprache auch für private Anlässe. Die Bewohnerstruktur setzt sich wie intendiert aus Menschen verschiedenen Alters, Familienstand und gesundheitlich und sozialer Lebenssituationen zusammen: 57 Bewohner im Alter von 0-85 Jahren 45 Erwachsene und 12 Kinder/Jugendliche 5 vollständige Familien 2 Familien mit einem Elternteil 25 Singles 53Paare
Einige Familien nutzten die Gelegenheit als Großfamilie mit zwei bzw. drei Generationen einzuziehen, wobei jede „Kleinfamilie“ eine eigene Wohnung bewohnt. Es besteht ein reger Austausch an Hilfeleistungen untereinander und verschiedene Gemeinschaftsaktionen im und rund um das Haus zeugen von einer lebendigen Hausgemeinschaft. Der Prozess des Miteinander Lebens und Wohnens wird durch eine pädagogische Fachkraft moderiert und unterstützt. Auf Wunsch erhalten die Bewohner in verschiedenen Lebenssituationen Beratung. Auf Kooperations- und Netzwerkpartner wird gezielt hingewiesen und konkrete Ansprechpartner vermittelt. In Konfliktsituationen der Bewohner untereinander wird Gelegenheit gegeben, die Konfliktparteien miteinander in Kontakt treten zu lassen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Durch die Moderation der mindestens zwei monatlich stattfindenden Hausversammlungen wird eine Struktur geschaffen, die es den Bewohner ermöglicht, themenbezogen ihre Anliegen einzubringen, zu erörtern und Vereinbarungen zu treffen. Hierdurch werden Eigeninitiative, Selbstvertrauen und Wachsen an den gestellten Aufgaben gefordert und gefördert. Serviceangebote bzw. Service von der CBT für Bewohner ist kein Bestandteil des Konzeptes. Im Rahmen der Einzugsberatung wird auf die "Wohnvereinbarung" hingewiesen. Diese beschreibt das nachbarschaftliche Miteinander und die gegenseitige Unterstützung. Die Wohnvereinbarung wird vom Bewohner durch seine Unterschrift als verbindliche Selbstverpflichtung anerkannt. Die aktive Beteiligung von Netzwerkpartnern an der Gestaltung des quartiersbezogenen Wohnens wird durch die Projektgruppe und den gegründeten ehrenamtlichen Beirat unterstützt. Hier sind Vertreter aus kommunalen und kirchlichen Gemeinden eingebunden.
Die Öffentlichkeit wurde von Anfang an in das Projekt einbezogen. Bei dem Austausch ging es einerseits darum, die im Projekt enthaltenen Lebensentwürfe zu kommunizieren und andererseits die Wünsche und Bedürfnisse der späteren Bewohner in die Planungen einzubeziehen.
Der Kostenrahmen und die Finanzierung stellen sich wie folgt dar: |
|
|
|
Investitionskosten gesamt |
5.523.489,00€ |
|
|
Finanzierung |
|
1. Hypothek |
1.790.466,00€ |
Darlehn Land |
2.300.500,00€ |
Eigenkapital |
875.553,00€ |
Zuschuss Stiftungen |
556.970,00€ |
|
|
|
|
Ertragswert: |
|
Erträge 1. Förderweg (18 Wohnungen) |
112.952,00€ |
Erträge 2. Förderweg (7 Wohnungen) |
55.918,00€ |
Erträge freifinanzierte Wohnungen |
115.849,00€ |
|
|
|
|
Aufwendungen: |
|
Zinsaufwand |
27.883,00€ |
Erbpachtzins |
24.200,00€ |
AfA |
99.330,00€ |
Instandsetzung/Verwaltungskosten p.a. |
33.306,00€ |
Die Forderung und Förderung von vorhandenen Ressourcen und des Einsatzes für die Gemeinschaft in Solidarität und Miteinander ist ein erfolgreicher aber ungewohnter Weg. Dieser muss von Professionellen neu erlernt und eingeübt werden, damit die Normalität des Miteinander Lebens und Wohnens wieder eine Chance erhält und gelingt. Aus diesem Grunde gibt es im CBT-Mehrgenerationenwohnhaus keinen von der Institution organisierten Mittagstisch, Tagesbetreuung oder Tagespflege bzw. Häusliche Pflege als Prävention oder Intervention für verschiedene Lebenskrisen. Daraus sind bereits einige Erdfolge erwachsen: Ein aus Mietern bestehendes Einzugsteam ist an der Beratung von Interessenten und der Auswahl von neuen Mietern beteiligt. Die Gemeinschaft der Mieter entwickelt ein hohes Maß an Eigeninitiative zur Gestaltung des Miteinanderlebens und -wohnens, eine Gruppe trifft sich regelmäßig zum gemeinsamen Frühstück bzw. Mittagessen, jeder trägt zum Gelingen bei. Treffen zu gemeinsamen Film- und Grillabende werden spontan initiiert und von Jung und Alt gemeinsam vorbereitet und gestaltet. Drei Bewohner übernehmen ehrenamtlich die Gartenpflege und ersparen damit der gesamten Gemeinschaft die Kostenumlage für einen "Gärtner". Auch der weitere Ausbau der Netzwerkarbeit im Quartier "Wipperfürth" wird aktiv verfolgt und es zeichnen sich gute Kooperationen mit Diensten und Angeboten vor Ort ab, z.B. mit dem Familienzentrum, Beratungsstellen u.a.
Die Erfahrungen dieses Projektes in Wipperfürth hat die CBT motiviert, Wohnangebote im Bestand auf den Prüfstein zu stellen und Angebote des "Wohnens mit Service" für alte Menschen zu öffnen für Jung und Alt. Die ersten Umsetzungsmaßnahmen sind erfolgt und beweisen die Richtigkeit dieses neuen Weges.
Ellen Wappenschmidt-Krommus
Telefon: 0221 - 92 44 43 50
Mail
» Stadt Wipperfürth
» Caritas Betriebsführungs- und Trägergesellschaft mbH
Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.
Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune
Stand: September 2010 |
SUCHE
Ellen Wappenschmidt-Krommus
CBT – Mehrgenerationenhaus „miteinander leben und wohnen“
Alte Kölner Straße 36
51688 Wipperfürth
Telefon: 0221 - 92 44 43 50
Mail |