Bertelsmann Stiftung

Pulow - Idealismus als Wirtschaftsmotor

Regionen in extremen Randlagen scheinen häufig einem sich selbst beschleunigenden Abwärtstrend, einer Spirale aus Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Abwanderung ausgeliefert zu sein, in der unternehmerischer Optimismus schließlich immer seltener wird. In Pulow, einer kleinen Gemeinde gegenüber der Ferieninsel Usedom, ist in den letzten 10 Jahren ein unternehmerisches, kulturelles und soziales Netzwerk entstanden. Gemeinsam wirken Unternehmen, Vereine und Initiativen in dem wachsenden Netzwerk an der Entwicklung der Gemeinde und der Region mit.

Demographie-Profil:

Bundesland, Landkreis

Mecklenburg-Vorpommern, Ostvorpommern

Bevölkerung (31.12.2009)

324

Entwicklung 2002-2009 (in %)

k. A. *

Entwicklung 2009-2030 (in %)

k. A. *

Ausgangslage/Problemstellung:

  • Pulow, eine ehemals selbständige Gemeinde mit vier Dörfern, die seit 2009 in die kleine Hafenstadt Lassan eingemeindet ist, liegt mit seinen Nachbardörfern und Nachbargemeinden im Lassaner Winkel, einer Seenlandschaft im Hinterland der Ostseeküste, direkt gegenüber der Insel Usedom.
  • Die von großflächiger konventioneller Landwirtschaft geprägte Landschaft in extremer Randlage ist eine in vielerlei Hinsicht gefährdete Region:
    • Die Arbeitslosigkeit ist weit überdurchschnittlich
    • Sehr viele Familien leben dauerhaft von sozialer Unterstützung
    • Durch die hohe Jugendarbeitslosigkeit drohen Resignation und Rechtsradikalismus
    • Die seit Jahren hohe Abwanderungsrate betrifft besonders Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, wodurch sich der Geburtenrückgang potenziert.

Ziel:

  • den Abwärtstrend abmildern
  • die Region zu beleben und eine positive Identität zu schaffen
  • sie für Einheimische und Besucher attraktiver zu machen
  • Arbeitsplätze zu schaffen
  • neuen beispielgebenden Projekten und ermutigenden Lebensentwürfen von Zuwanderern und Einheimischen eine Heimat zu geben
  • die Besonderheiten des Landstrichs zu nutzen
  • Inseln bzw. Netzwerke positiver Zukunftsgestaltung zu schaffen nach dem Motto Konvergenz statt Konkurrenz

Strategie:

  • als „Motor“ Idealismus, Begeisterungsfähigkeit, hohes persönliches Engagement, Einsatz- und Leistungsbereitschaft der einzelnen Akteure
  • wirtschaftliches Denken, moderne Marketing-Strategien, Werbung und PR, professionelle Erschließung von Absatzmärkten
  • sorgfältige, fachlich fundierte Planung
  • Marktnischen er-finden, alte Traditionen zeitgemäß umsetzen
  • Vernetzung mit regionalen Produzenten
  • behutsame Einbindung in öffentliche Förderungen und Schaffung regionaler Netzwerke.

Meilensteine:

  • In den ersten Jahren nach der Wende entstehen in der Gemeinde Pulow durch den Verein „Natur und Kultur e.V.“ vielfältige z.T. einkommensschaffende Aktivitäten: Eine alte Mirabellenallee wird aufgeforstet, eine Webwerkstatt wird eingerichtet, ein Kräutergarten wird angelegt.
  • 1996: werden in einem Spiegelartikel die sozialen und wirtschaftlichen Problematiken des Lassaner Winkels und der Gemeinde Pulow im Verlauf der ersten Nach-Wendezeit dargestellt.
  • 1997: Die Firma „Human Touch Medienproduktion GmbH“ lässt sich aufgrund des o.g. Artikels in Klein Jasedow nieder und löst bei vielen Beobachtern Interesse aus, sich beizeiten dem wagemutigen Siedlungsprojekt anzuschließen. Das Unternehmen, das von einer seit 1977 existierenden soziokulturell ausgerichteten Lebensgemeinschaft geführt wird, beschäftigt bald 25 lokale Angestellte.
  • 1997 Umbenennung des „Natur- und Kultur e.V.“ in „Mirabell Verein zur Förderung von Natur und Kultur“, in der Folge unter verantwortlicher Beteiligung der Neubürger starke Ausweitung der Vereinsaktivitäten. So auch die Gründung der Europäischen Akademie der Heilenden Künste (EAHA) in Klein Jasedow durch die neu Zugezogenen.
  • 1998: Übernahme einer umfangreichen ökologischen ABM durch die neuen Bürger, Aufbau eines Kräutergartens, Produktionstechnisches und ökonomisches Gutachten zum ökologischen Kräuteranbau in der Region.
  • 1998/99: Zertifizierung der Flächen nach der EU-VO 2092/91; die gepachteten Flächen werden vom Anbauverband Gäa und der EU-Kontrollstelle "Grünstempel" für den Ökologischen Landbau zertifiziert.
  • 2000: Vorbereitung der Ausgründung des ökologischen Kräuteranbaus, der bisher als Projektgruppe des Vereins Mirabell e.V. (vormals: „Natur und Kultur e.V.“) geführt wurde
  • 2001: Gründung der Genossenschaft Kräutergarten Pommerland eG als Ausgründung des ökologischen Kräuteranbaus, der bisher als Projektgruppe des Vereins Mirabell e.V. geführt wurde.
  • seit 2002: Zupacht und Kauf von Flächen, Erweiterung der Produktionsanlagen durch den Erwerb der ehemaligen LPG-Anlage und des Betriebsgebäudes in Pulow .
  • die Ackerflächen und die Teeproduktion werden vom Anbauverband Gäa und der EU-Kontrollstelle „Grünstempel“ für Ökologischen Anbau und Verarbeitung zertifiziert.
  • 2005: Der Gartenbaubetrieb Fa. Feldfrüchte wird gegründet und übernimmt den ökologischen Anbau von Kräutern für die Genossenschaft
  • 2006:  Errichtung einer Luftentfeuchtungsanlage zur Kräutertrocknung
  • die Kräutertees werden bundesweit im Naturkosthandel vermarktet und auf Fachmessen wie der BioFach präsentiert
  • Seit 2008: Investition in Verarbeitungsmaschinen und in den Ausbau der alten LPG-Anlage zu einer modernen Betriebsstätte für Kräuterverarbeitung und Kräuterteeproduktion mit einer großen Trocknungsanlage
  • 2009: Die Gemeinde Pulow wird mit ihren vier Dörfern in die Stadt Lassan eingemeindet.
  • 2010: bei Kräutergarten Pommerland und Fa. Feldfrüchte arbeiten 12  Frauen aus den umliegenden Dörfern, die Hälfte davon auf Vollzeitstellen.
  • 2011 – Die Genossenschaft Kräutergarten Pommerland besteht 10 Jahre.
  • Neben den genannten Projekten gibt es weitere Ansiedlungen von Unternehmen und Vereinen in der Gemeinde:
    • Bauwerk eG - Fachbetrieb für Lehm- und Strohbau
    • Sona Sounds GmbH & Co. KG – Designwerkstatt für Klang- und
      Musikinstrumente
    • Klein Jasedower Binsenweisheit e.V. Verein zur Errichtung und zum Betrieb einer Pflanzenkläranlage
    • Kulturverein „Schlossgeist e.V.“
    • Gärtnerischer Betrieb „Feldfrüchte“
    • Textilwerkstatt und Ferienhaus am See
    • „Calla“ – Massage- und Therapiepraxis in Lassan
    • Ausflüge und Jugendfahrten auf dem traditionellen Schoner „Ernestine"
    • „Kunst und Kemenaten“ im Alten Gutshaus Klein Jasedow bietet Ausstellungen und Kurse an
    • Seit 2003 wird der Kräutergarten des Mirabell e.V. vergrößert und als Duft- und Tastgarten zu einem Anziehungspunkt in der Region, in dem Kräuterseminare, Führungen, Feste angeboten werden
  • 2006 das Netzwerk „Kräuter, Kunst und Himmels-Augen“ entsteht  -  ein  Zusammenschluß der Akteure im Lassaner Winkel

Akteure:

  • Geschäftsführender Vorstand: Christiane Icke (Anbau) und Christiane Wilkening (Vertrieb)
  • Aufsichtsrat: in der Nachbarschaft ansässige Juristin und Unternehmer
  • Kooperation mit Unternehmen (Lassaner Mosterei Nowack/Produktion der Getränke; „Ackerbürgerei“/Kurse) und diakonischen Einrichtungen im Landkreis (Abfüllen der Kräutertees).

Umsetzung:

  • Bereits Anfang der 90er Jahre hatte der örtliche Natur und Kulturverein, später Mirabell e. V., für die Gemeinde Pulow mit Hilfe von ABM-Kräften einen Kräutergarten angelegt.
  • Daraus entstand die Geschäftsidee der Wahl-Vorpommern, in den großflächigen Bio-Kräuteranbau einzusteigen.
  • Durch Zuzug weiterer Akteure bildet sich das Gründer/innen-Team für ein potenzielles kommerzielles Kräuterprojekt.
  • Mit wenig Geld und dem Willen, ihren Traum zu verwirklichen, bereiten sie unter dem Dach des Mirabell-Vereins zwei Jahre lang die Gründung der Genossenschaft vor.
  • Unternehmensform und Finanzierungsmöglichkeiten mussten gefunden, der Anbau erprobt und Produkte mussten entwickelt und Vermarktungswege erschlossen werden.
  • Produkte: Kräuter, Kräuterteemischungen, Holunderblüten- und Kräutersirup, Limonaden und Ice-Teas ohne Zuckerzusatz, Fruchtaufstriche und Chutneys
  • Mitglied im ökologischen Anbauverband Gäa und bei Ökoplant, dem Verband ökologischer Kräuteranbauer
  • Zusammen mit dem Gasthof „Ackerbürgerei“ in Lassan führt die Genossenschaft praxisorientierte Kräuterwochenenden für Frauen durch
  • Betrieb/Rechtsform: Genossenschaft mit knapp 70 Mitgliedern
  • Gartenbau-Betrieb als Einzelunternehmen (Fa. „Feldfrüchte“)
  • MitarbeiterInnen: 5 feste, 1 Saisonkraft, 2 Teilzeitkräfte, 1 Auszubildende, 1 im Freiwilligen ökologischen Jahr
  • Fläche: 10 ha, davon 3,7 ha Eigenland
  • Seit 2006 wird der Produktionschwerpunkt verstärkt auf Kräutertees gelegt und die Produktion vergrößert
  • Im September 2008 startet ein erster Studiengang für Musiktherapie, der  zusammen mit dem Institut für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg entwickelt wird.
  • 2009 bilden die Akteure das übergreifende Zukunftswerk Klein Jasedow, um die gemeinnützigen Projekte im Lassaner Winkel in ihrer Aufbauphase zu unterstützen und zu sichern.
  • In Klein Jasedow wird die Zeitschrift OYA als Genossenschaft gegründet mit dem Zukunft weisenden Untertitel: Anders denken. Anders leben, die seit Februar 2010 zweimonatlich erscheint.
  • 2010 – die Gemeinde Lassan wird Bioenergiedorf im Rahmen des Programm „Coaching Bioenergiedörfer in Mecklenburg-Vorpommern“

Bürgerbeteiligung:

  • Nachdem das Pestizid „Brasan“ im Jahr 2001 einen Teil der Anbaufläche der Genossenschaft kontaminiert hatte, kam es Konflikten in der Bevölkerung zwischen den Anhängern der traditionellen Landwirtschaft und den Betreibern des Kräutergartens, die jahrelang auch öffentlich ausgetragen wurden. Der Konflikt entzündete einen engagierten Diskussionsprozess in der Bevölkerung, der zur Zeit in einen konstruktiven Umgang miteinander mündet.

Finanzierung:

  • In den Aufbau des Unternehmens Kräutergarten Pommerland sind bereits über 250.000 Euro (z.gr.T. Genossenschaftsanteile) geflossen.
  • In den Ausbau der neuen Betriebsstätte werden knapp eine halben Million Euro investiert.

Erfolge:

  • Immer mehr Menschen, auch viele junge Familien lassen sich in der Gemeinde nieder, Kinder werden geboren; entgegen dem allgemeinen Abwanderungstrend hat Pulow einen positiven Wanderungssaldo.
  • Neuansiedlung von zahlreichen Unternehmen und Vereinen in der Gemeinde
  • Netzwerkbildung von Akteuren in der Region
  • Die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen liegt in der Gemeinde Pulow 2004 und 2006 bei mehr als 90 Prozent.
  • Verleihung des Preises „Bürger initiieren Nachhaltigkeit“ 2005 der Bundesregierung an die Europäische Akademie der Heilenden Künste (EAHA)
  • Juni 2006: Nachhaltigkeitskongreß „Renaissance einer Region“ mit einem „Markt der Möglichkeiten“ von allen Akteuren im Lassaner Winkel in Klein Jasedow (Veranstalter: Europäische Akademie der Heilenden Künste e.V. zusammen mit der Akademie für Nachhaltige Entwicklung Mecklenburg-Vorpommern (ANE) unter Schirmherrschaft des Umweltministers des Landes Mecklenburg-Vorpommern)
  • Verleihung des Freiherr-vom-Stein-Preises 2006 der Alfred C. Toepfer-Stiftung, Hamburg, in Zusammenarbeit mit der Humboldt Universität Berlin an die Europäische Akademie der Heilenden Künste (EAHA) für ihr soziales Engagement.
  • 2010 – die Gemeinde Lassan wird Bioenergiedorf im Rahmen des Programm „Coaching Bioenergiedörfer in Mecklenburg-Vorpommern“

Kontakt:

Weitere Informationen:

  • Die Siedler am Arsch der Welt....! » Film von Claus Strigel, denkMal-Film, München 2004
  • „Neues Leben durch Bio-Kräuter“ Porträt Kräutergarten Pommerland in: Biohandel 2/2004
  • „Wilde Kost vom Ende der Welt“ - Firmenporträt Kräutergarten Pommerland in: Hof direkt 4/2005
  • „Auf ins Wild Kost Wochenende“ in: Schrot&Korn 3/2006
  •  „Eine Tasse Ostvorpommern“ Firmenporträt von Regional 1. Wahl, Berlin, 2009
  • Mit dem Flyer „Kräuter, Kunst und Himmels-Augen“ stellt sich das entstandene Netzwerk der Akteure im Lassaner Winkel der Öffentlichkeit vor und zieht viele Besucher in den Lassaner Winkel

 

 

Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.

 

Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune

 

 

Stand: Dezember 2010

 

* Für Kommunen mit weniger als 5.000 Einwohnern stehen keine Prognosedaten zur Verfügung.

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