Bundesland |
Baden-Württemberg |
Bevölkerung (31.12.2009) |
15.314 |
Entwicklung 2002-2009 (in %) |
2,3 |
Entwicklung 2009-2030 (in %) |
0,6 |
Räumliche Einordnung |
Agglomerationsräume - Hochverdichtete Kreise |
Demographietyp |
Suburbane Wohnorte mit rückläufigen Wachstumserwartungen |
Die Initiative „Der Rote Faden, der Eltern, Kinder und Jugendliche begleitet“ startete im Januar 2008, als zwei Bürger, Mitglieder der gerade im Vorjahr in der Folge des neuen Leitbildes der Gemeinde gegründeten Ehrenamtsagentur „Bürgernetz“ feststellten, dass ehrenamtliche Azubipaten dann nicht helfen können, wenn Jugendlichen die Voraussetzungen fehlen. Es entstand der Wunsch viel früher mit der Begleitung zu beginnen.
Eine erste Anfrage an die Grundschulen ergab, dass viele der Schüler über Schwierigkeiten in der Beherrschung der deutschen Sprache, im Rechnen und im Sozialverhalten hatten. Eine spätere Befragung in Kindergärten ergab, dass nicht nur beim Eintritt in den Kindergarten die deutsche Sprache altersgemäß unzureichend beherrscht wurde, sondern auch beim Verlassen.
Die Schwierigkeiten der Kinder und Schüler überzeugten weitere Ehrenamtliche. Man entwickelte Ziele, Prinzipien und ein Organisationschema mit drei Projektbereichen. Für jeden wurde ein Ehrenamtlicher tätig. Er suchte Mitstreiter und begann mit der Umsetzung.
Kinder und Jugendliche in Kernen im Remstal beherrschen die deutsche Sprache, erfahren eine stabile emotionale, gesunde und soziale Entwicklung, besuchen Kindergarten und Schule mit Gewinn und finden im Beruf einen sicheren Platz.
Die 10 Prinzipien des Roten Fadens
- Das Wohlergehen des Kindes und damit der Familien stehen im Mittelpunkt unserer Überlegungen: kein Kind darf verloren gehen!
- Wir fangen früh an, um später nicht „reparieren“ zu müssen.
- Wir wollen zu den Familien hingehen und um Mitarbeit werben.
- Nicht nur Starthilfen am Anfang des Lebens, sondern kontinuierliche, familienorientierte Begleitung sind gefragt.
- Das Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen wird durch drei Abschnitte markiert: Familienorientierte Begleitung, Bildungsbegleitung und Begleitung in die Arbeitswelt.
- Förderung und Vernetzung vorhandener Angebote.
- Den zugewanderten Familien ist eine besondere Beachtung zu schenken.
- Der Kommune kommt eine besondere Verantwortung zu.
„Um ein Kind in die Welt zu setzen, braucht man nur einen Mann und eine Frau. Aber um ein Kind großzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf. - Transparenz und Neutralität
- Lernende Organisation
Projektbereich 1 – Familienorientierte Begleitung
- Frühe Hilfen sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Bildungsbiographie. 2011 beginnen die vom Roten Faden initiierten Familienbesucher im Auftrag der Gemeinde ihre Besuche bei allen Eltern mit Neugeborenen. Sie geben Hinweise auf mögliche Unterstützungen verschiedenster Art und können bei Bedarf und auf Wunsch der Eltern Hilfen vermitteln. Zum Start des Projektes wird eine der Familienbesucherinnen auf Betreiben des Roten Fadens für 2 Jahre von der Kerner Volksbank unterstützt.
- Die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse können ab Herbst 2011 regelmäßig in Kernen angeboten werden, da jetzt die Gemeinde auf Wunsch des Roten Fadens den Hebammen einen geeigneten Raum vermieten kann.
- Ein Babytreff wurde unter ehrenamtlicher Leitung eingerichtet und wird von Müttern gut in Anspruch genommen. Dankenswerterweise stellt die evangelisch-methodistische Kirchengemeinde einen Raum zur Verfügung.
- Die Beratung Mütter helfen Müttern durch Ehrenamtliche ist eingerichtet.
- Die Sprach- und Lesepaten für Kinder betreuen ständig um die 20 Familien, fast alle mit Mitgrationshintergrund. Der von diesen Müttern gewünschte Deutschkurs für Migrantinnen wird von der Gemeinde gefördert und von der VHS seit Mai 2011 durchgeführt.
- Dem TagesEltern-Verein Fellbach-Kernen wurde für die Beratung ein Büro im Rathaus vermittelt.
Wichtig ist der ständige Austausch mit Institutionen und Einrichtungen wie dem Kreisjugendamt und dem Kreisgesundheitsamt, Ärzten, den Schulen, dem Schulamt, dem Café International und natürlich der Gemeindeverwaltung.
Projektbereich 2 – Bildungsbegleitung
- Die Lernbegleitung wird an allen Schulen in Kernen angeboten und von allen Beteiligten unterstützt und gefördert. Die Nachfrage steigt weiter an. Da die Zahl der ehrenamtlich Tätigen begrenzt ist, wurde nach Lösungsmöglichkeiten gesucht: Das Projekt „Schüler helfen Schülern“, das im März 2011 zunächst an der Rumold-Realschule gestartet wurde, ermöglicht die Ausbildung von Schülertutoren, die nach dem Peer-Education-Ansatz geschult werden. Sie unterstützen und begleiten jüngere Mitschülerinnen und Mitschüler an den weiterführenden Schulen in Kernen.
- Weiterbildungsangebote für alle ehrenamtlich Tätigen werden ausgebaut. Sie benötigen für ihre Arbeit Unterstützung in verschiedenster Form: Erfahrungsaustausch, Coaching bei Problemen, Informationen zu fachlichen Themen usw. Derzeit werden zusammen mit örtlichen Vereinen und Institutionen Angebote sinnvoller Freizeitgestaltung für junge Menschen entwickelt.
- Das Projekt Nachmittagsbetreuung – Zusammenarbeit mit Vereinen ist als Baustein eines erweiterten Angebotes an den weiterführenden Schulen konzipiert.
- Den Übergängen in den einzelnen Bildungsstufen widmen wir verstärkt unsere Aufmerksamkeit. So ist die Zusammenarbeit mit den Lese- und Sprachpaten/innen, die die Kinder beim Übergang in die Grundschule betreuen, Teil eines geplanten AK Übergang Kindertagesstätte - Grundschule.
Besonders ausgeprägt ist die Vernetzung zwischen den beiden Projektbereichen 2 und 3. Die Mitwirkung im lokalen Arbeitskreis Übergang Schule – Beruf und bei den Treffen der Azubipaten ermöglicht einen guten Erfahrungsaustausch.
Projektbereich 3 – Begleitung in die Arbeitswelt
- Das „System Schule“ und das „System Arbeitswelt“ sind nicht ausreichend aufeinander abgestimmt. Außerdem sind geeignete Ausbildungsplätze – insbesondere für Hauptschüler – nur in begrenztem Umfang vorhanden. Viele Schulabgänger brauchen eine individuelle, begleitende Unterstützung, damit sie überhaupt den Einstieg in einen Beruf schaffen. Auf der Grundlage unserer Konzeption einer mitsorgenden Begleitung bieten wir in Kernen koordinierte, ehrenamtliche und professionelle Hilfen an: Azubi-Patenschaften, Joblotsendienste, Berufsorientierungs- und Förderdiagnostikmodule.
- Eine frühzeitige Bekanntschaft mit der betrieblichen Realität erreichen wir mit der Bereitschaft von zurzeit über 80 möglichen Einsatzstellen bei unseren Partnerbetrieben, die u.a. Praktikumsplätze, Betriebsbesichtigungen oder fiktive Bewerbungsgespräche anbieten. Da wir wissen wollen, wie der weitere Werdegang aller entlassenen Schüler verläuft, werden sie von Vertrauenspersonen noch einige Zeit begleitet, die im Bedarfsfalle Hilfen anbieten bzw. vermitteln. Die beiden weiterführenden Schulen arbeiten mit dem Berufsbildungswerk Waiblingen zusammen. Sie kombinieren Neues, wie die Kompetenzwerkstatt, mit anderen bewährten Projekten und gewinnen somit Synergieeffekte.
- Im lokalen Arbeitskreis Übergang Schule – Beruf vernetzen wir die unterschiedlichen Angebote u.a. der Schulen, der Kommune, der Kammern, der Agentur für Arbeit, des Landkreises und des Roten Fadens. Der Arbeitskreis ist inzwischen ein bewährtes Gremium bei dem fachlicher Austausch, wertvolle Informationen und praxisnahe Anregungen erfolgreich zusammenwirken.
Bereichsübergreifende Handlungsfelder
- Einen besonderen Bedarf zur Unterstützung sehen wir bei den Eltern bzw. den Familien - wir wissen und erleben dies. In den unterschiedlichen Lebensphasen ihrer Kinder müssen viele befähigt und gestützt werden. Wir bieten Hilfen zur Selbsthilfe und zum Aufbau von Eigenverantwortlichkeit an. Das trifft insbesondere auf Eltern mit Zuwanderungshintergrund zu.
- Die vielen Beteiligten in der Gemeindeverwaltung, im Gemeinderat, im Landkreis und in den Institutionen vor Ort, wie Trägern von Kindergärten, Schulen, sowie Institutionen sind in die Bedarfsfeststellungen und in die Lösungsmöglichkeiten einzubinden und auf die Reise mitzunehmen. Professionelle Unterstützung durch ehrenamtlich tätige Bürger in der Aufbereitung der Sachlage, in der Entwicklung von Alternativen und in der Diskussion um Lösungen wurde von den Beteiligten zunächst langsam angenommen. Inzwischen wird unsere von Prinzipien geleitete Arbeit geschätzt und unterstützt.
- Die Gemeinde Kernen im Remstal unterstützt den Roten Faden durch eine für die Arbeit sehr wichtige Verbindungsstelle, sowie einem Etat für die Anerkennung der Ehrenamtlichen und Druckkosten. Die Verbindungsstelle im Rathaus ist ein wesentlicher Baustein für die Sicherung der Nachhaltigkeit der vom Roten Faden angestoßenen Konzeptionen und Projekte. Die Zusammenarbeit mit der Verbindungsstelle bereichert unsere Arbeit im Projekt Roter Faden.
- Neue Projekte benötigen eine Anlauffinanzierung. Vom Roten Faden initiiert kann das Berufsbildungswerk Waiblingen gGmbH mit den Mitteln von Aktion Mensch eine Projektleitung KLICK zur übergreifenden Vernetzung der Bildungsangebote für Kernen bereitstellen und daraus ein für die Gemeinde Kernen im Remstal nachhaltiges sowie auf andere Gemeinden übertragbares Modell entwickeln. Mit Mitteln von SWR Herzenssache kann der Kreisjugendring vom Roten Faden initiierte Projekte, wie Schüler helfen Schülern, Nachmittagsbetreuung und Bildungsbegleitung in die Arbeitswelt mit professionellen Honorarkräften unterstützen.
- Das Hauptaugenmerk des Roten Fadens liegt in der nachhaltigen Verankerung der Angebote für Eltern, Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde bei den für die Bildung Verantwortlichen. Der Rote Faden besteht aus ehrenamtlich tätigen Bürgern und hat aus diesem Grund auch keinen Verein gegründet.
- Alle genannten Maßnahmen und Projekte dienen als Baustein für ein zukünftiges kommunales Bildungskonzept.
Übertragbarkeit des Roten Fadens – ein Modell für andere Gemeinden?
Unsere Idee „Roter Faden“ und das dreijährige erfolgreiche Engagement haben verschiedentlich Interesse geweckt. Andere Gemeinden, die selbst an gesamtheitlichen Lösungen arbeiten oder auf der Suche nach kommunalen Bildungskonzeptionen sind, wurden auf uns aufmerksam und erkundigten sich über unsere Absichten und Strategien. Fachleute des Landkreises, insbesondere das Kreisjugendamt, der Kreisjugendring oder das Staatliche Schulamt sind von der Zukunftsfähigkeit des Projekts überzeugt und unterstützen unser Vorgehen. Der Rote Faden wurde als multiplizierbarer Baustein in einem Erziehungs- und Bildungsgesamtkonzept einer Gemeinde bzw. des Landkreises erkannt. „Es wäre schön, wenn andere Gemeinden in unserem Landkreis etwas Ähnliches aufbauen könnten“, wurde von verantwortlicher Stelle angeregt. In diesem Sinne ist der Rote Faden ein modellhafter Baustein des Projektes „Lernen vor Ort“ des Landkreises Rems-Murr.
Jede Gemeinde wird auf der Grundlage ihrer spezifischen Möglichkeiten und Grenzen einen eigenen Weg gehen müssen. Allerdings können wir heute sicher sagen, dass dieses Projekt ohne engagiertes und verantwortliches Mittragen und den Rückhalt seitens der Verwaltung und des Gemeinderates sowie der Verantwortlichen in der formalen Bildung nicht erfolgreich durchgeführt werden kann. Ehrenamtliches Engagement gehört, über die Start-und Entwicklungsphase hinaus, als wichtiger Bestandteil zum Konzept. Daher ist es notwendig, dass die Initiatoren eine angemessene bürgerschaftliche Beteiligung aktivieren.
Volker Reissig
Telefon: 07151 - 20 61 21
Mail
Werner Artmann
Telefon: 07151 - 41 206
Mail
Margret Baur
Telefon: 07151 - 41 990
Mail
» Der Rote Faden
Projektbericht 2009 - Entstehung und Vorgehen
Projektbericht 2011 - Erfahrungen und Weiterentwicklung
Beide Projektberichte enthalten auch Arbeitsunterlagen und können als pdf-Dokument angefordert werden bei Volker Reissig
Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.
Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune
Stand: Oktober 2011