Bertelsmann Stiftung

Dortmund - Sozialberichtssystem und Aktionsplan "Soziale Stadt Dortmund"

Demographie-Profil:

Bundesland

Nordrhein-Westfalen

Bevölkerung (31.12.2009)

581.308

Entwicklung 2002-2009 (in %)

-1,6

Entwicklung 2009-2030 (in %)

-5,2

Räumliche Einordnung

Agglomerationsräume - Kernstädte

Demographieprofil

Schrumpfende Großstädte im postindustriellen Strukturwandel

Ausgangslage:

  • Altindustrielle Regionen wie das Ruhrgebiet sind seit Jahren ständigen neuen Entwicklungen ausgesetzt: Sowohl die Folgen des Strukturwandels als auch die demographischen Prozesse bedingen enorme Veränderungen der städtischen Strukturen. Dies ist auch in Dortmund der Fall.
  • Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von sozialen Transferleistungen durch einen nur teilweise kompensierten Arbeitsplatzabbau wirken sich vor allem auf die nachwachsenden Generationen aus. Kinder und Jugendliche sind mit diesen Folgen konfrontiert und wachsen in sozial benachteiligten Milieus auf.
  • Parallel dazu verringert sich die städtische Bevölkerung. Zwar konnte diese Entwicklung in Dortmund abgefedert werden, dennoch verschiebt sich die Altersstruktur hin zu einer wachsenden Gruppe älterer Bürgerinnen und Bürger und einem immer kleiner werdenden Anteil von Kindern und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung. Fast ein Viertel der Dortmunder hat außerdem einen Migrationshintergrund, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist in den Jahren 2004 bis 2006 von 22,3% auf 23,2% gestiegen.
  • Alles in allem droht die Bevölkerung soziokulturell immer weiter auseinander zu rücken: Arm und Reich, Alt und Jung, Familien mit und ohne Kinder, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte leben zunehmend sozialräumlich polarisiert. In der Folge sind es vor allem die Kinder und Jugendlichen, die zunehmend in sozial benachteiligten Vierteln wohnen, in denen sich Dimensionen sozialer, demographischer und ethnischer Segregation häufen.
  • Es kristallisieren sich demnach Teilräume heraus, in denen Problemlagen, denen mit bestehenden Möglichkeiten nicht immer angemessen begegnet werden kann, gehäuft auftreten. So stellen sich neue, insbesondere strategische Anforderungen an Politik und Verwaltung.
  • Der erste Bericht zur sozialen Lage in Dortmund erschien 1995. Er wurde von der Sozialforschungsstelle gemeinsam mit einer Begleitgruppe aus Verbänden und Verwaltung erstellt. In der Folgezeit erschienen regelmäßig Themenhefte zur Sozialhilfeberichterstattung.
  • Im Jahr 2000 wurde gemeinsam mit dem Trägerkreis „Armut in Dortmund“ ein Leitbildprozess für eine soziale und beteiligungsorientierte Stadt Dortmund eingeleitet.
  • Im Mai 2005 wurden die Ergebnisse der sozialräumlichen Jugendhilfeplanung in den Dortmunder Stadtbezirken zur Diskussion in die kommunalpolitischen Gremien eingebracht. Die dort entwickelten Sozialraumabgrenzungen wurden im Bericht zur sozialen Lage und im Sozialstrukturatlas übernommen.
  • Im Juni 2005 schließlich beauftragte der Rat der Stadt Dortmund die Verwaltung, den Bericht zur sozialen Lage in Dortmund und die Sozialhilfeberichterstattung der letzten Jahre unter den veränderten Rahmenbedingungen des Sozialgesetzbuches II (Grundsicherung für Arbeitssuchende) und XII (Sozialhilfe) zu einem erweiterten Berichtssystem zur sozialen Lage in Dortmund fortzuentwickeln. Dabei sollten entsprechend der Armuts- und Reichtumsberichterstattung des Bundes und des Landes NRW auch Auswertungen der Einkommens- und Lohnsteuerstatistik mit aufgenommen werden. Gewünscht war außerdem eine detaillierte, sozialraumorientiert aufbereitete Datensammlung in Form eines Sozialstrukturatlasses.
  • Das gesamte Berichtswesen konnte im November 2007 veröffentlicht werden. Es belegt die - sozialräumlich betrachtet - ungleiche Verteilung sozialer Problemlagen anhand ausgewählter Indikatoren und identifiziert in der Konsequenz die Sozialräume mit unterdurchschnittlicher Entwicklung.
  • Auf dieser Grundlage entwickelte der Oberbürgermeister der Stadt Dortmund den Entwurf des „Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund“. Kernstück ist ein im Februar 2008 beginnender, beteiligungsorientierter Prozess der Diskussion und Entscheidungsfindung. Er mündet in die Umsetzung solcher Maßnahmen, die auf die nachhaltige Verbesserung der sozialen Lage in den benachteiligten Sozialräumen und die Bekämpfung von Kinderarmut zielen.

Ziele:

Die nachhaltige Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Bevölkerung.

  • Vor allem in den großen Städten unterliegen die Lebens-, Wohn-, Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse einem ständigen Wandel. Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung benötigen Informationen über eben solche Veränderungen und die sich abzeichnenden Problemlagen, damit auf dieser Basis Handlungsbedarfe erkannt und zielführende Maßnahmen entwickelt werden können.
  • Zweck des Berichtssystems ist es, sozialpolitische Ziele zu benennen, anhand einer umfangreichen Datensammlung Strukturen möglichst fachübergreifend abzubilden und zu untersuchen und in der Konsequenz entsprechende Handlungsnotwendigkeiten aufzuzeigen. Ergänzt durch die Berichte einzelner Fachbereiche, in denen Detailfragen konkreter behandelt werden können, bietet es damit das Fundament für eine vorausschauende Sozialpolitik.
  • Ziel dieser präventiv orientierten Sozialpolitik ist die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Bevölkerung. In diesem Zusammenhang gilt es, die soziale Lage vor Ort in den benachteiligten Sozialräumen, die Teilhabe- und Verwirklichungschancen der Menschen in allen Lebensbereichen nachhaltig zu verbessern. Jeder Bürgerin und jedem Bürger sollen gute Start‑ und Rahmenbedingungen und die Möglichkeit zur aktiven Mitgestaltung der Stadtgesellschaft geboten werden.
  • Zentrale Aspekte sind dabei die Zugangschancen zu Erwerbsarbeit, Bildung und Ausbildung und die Bekämpfung von Kinderarmut.

Umsetzung:

Breiter Überblick über verschiedene Dimensionen der sozialen Situation

  • Der Sozialbericht beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen und den Lebenslagen der Menschen in Dortmund. Dabei sind die soziale Struktur in der Stadt und damit die unterschiedliche Verteilung von Teilhabechancen mit Blick auf die vielschichtigen Aspekte von Armut und Reichtum zentrale Elemente. Hierzu bedarf es eines Konzeptes zur Armutsmessung aus der empirischen Armutsforschung. Auf dieser Basis können dann die von der Kommunalstatistik bereits aufbereiteten Daten zusammengetragen und ausgewertet werden.

Breite Teilnehmerstruktur

  • Das Konzept der Berichterstattung als Bestandteil eines flexiblen Sozialplanungsprozesses wurde unter Federführung des Dezernates für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Zusammenarbeit mit dem „Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung der Ruhr-Universität Bochum“ (» Zefir) und unter Beteiligung relevanter Fachbereiche der Stadt Dortmund erarbeitet.
  • Im Februar 2006 veranstaltete die Stadt Dortmund gemeinsam mit dem Trägerkreis „Armut in Dortmund“ und seinen Vertretern aus Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden und Organisationen den „Workshop zur Sozialberichterstattung in Dortmund“. Hier wurden gemeinsam Ziele und Zielgruppen konkretisiert und ein Rahmen für den Bericht zur sozialen Lage geschaffen. Neben dem Trägerkreis und der Stadtverwaltung waren Jugendverbände, Ratsfraktionen, Senioren- und Ausländerbeirat, Armutsprojekte und Organisationen der Menschen mit Behinderungen und der Schwulen und Lesben beteiligt.
  • Der offene Prozess zur Bürgerbeteiligung startet auf Basis der Sozialberichterstattung und des Entwurfs für den Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund im Februar 2008 mit einer zentralen Auftaktveranstaltung. Es folgen dezentrale Veranstaltungen in den Sozialräumen mit unterdurchschnittlicher Entwicklung.

Transparente Information

  • Den politischen Gremien wird regelmäßig über den Fortgang des Prozesses berichtet.
  • Neben Politik und Verwaltung sind Verbände, Kirchen, Gewerkschaften, Organisationen, Wissenschaft und Forschung von Beginn an eingebunden und über die Entwicklungen informiert.
  • Auch die Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, am Prozess teilzunehmen, vor allem an den dezentralen Fortsetzungsveranstaltungen vor Ort. Ansprechpartner im jeweiligen Quartier sind die Mitarbeiter/innen der dezentral geplanten Aktionsbüros, die den Fortgang des Prozesses auf kleinräumiger Ebene sichern.

Bisher umgesetzte Maßnahmen:

  • Projekt zur Unterstützung von Kindern alkoholkranker Eltern
    Folge sozialer Benachteiligung kann unter anderem ein erhöhtes Suchtrisiko sein. Besonders betroffen sind die Kinder suchtkranker Eltern. Während einer Laufzeit von 15 Monaten wurden ein Netzwerk-Arbeitskreis gegründet, Patenschaften eingerichtet und die aufsuchende Elternberatung integriert. Über die Netzwerk-Beteiligten wurden Mitarbeiter aus beteiligten Einrichtungen sensibilisiert und fortgebildet, Beratungsangebote und Seminare eingerichtet, Fachveranstaltungen und -veröffentlichungen organisiert und Patenschaften erprobt. Vor allem die Patenschaften und die aufsuchende Elternarbeit bewirkten eine deutliche Verbesserung der Situation betroffener Jugendlicher.

Die Projektergebnisse bestätigten im Jahr 2006 den vermuteten Handlungsbedarf, das Projekt wurde in die Ambulanten Dienste des Jugendamtes integriert. Zu den längerfristigen Zielen gehören der Ausbau der bestehenden Hilfsangebote, vor allem aber die Erweiterung der Zielgruppe um Jugendliche mit eigener Suchtproblematik und um drogenkranke Eltern mit zusätzlicher Alkoholproblematik.

  • Modellversuch „Sozialticket“
    Der Rat der Stadt Dortmund hat im Dezember 2007 die Einführung des Sozialtickets zunächst für einen zweijährigen Modellversuch beschlossen. Erstmalig ab Februar 2008 können hilfebedürftige Dortmunder das Ticket nutzen. Bezugsberechtigt sind die Leistungsbezieher des Arbeitslosengeldes II, der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit, der wirtschaftlichen Jugendhilfe oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

Dieses personenbezogene Ticket 1000 (Preisstufe A) ist im Jahresabonnement für den Preis von monatlich 15 € erhältlich und im gesamten Dortmunder Stadtgebiet gültig.

  • Einrichtung von Aktionsbüros der JobCenterARGE Dortmund und der Sozialverwaltung
    Vorbehaltlich der Zustimmung des Rates werden Sozialamt und JobCenter ARGE dezentrale gemeinsame Anlaufstellen mit niedrigschwelligen Beratungs- und Unterstützungsangeboten unterhalten. Gestartet wird in drei Sozialräumen mit unterdurchschnittlicher Entwicklung. Die Eröffnung der ersten Einrichtung dieser Art ist für den 1. April 2008 geplant.

Nach den guten Erfahrungen mit dezentralen Senioren- und Familienbüros werden nun auch JobCenter ARGE und Sozialamt ihre Angebote direkt vor Ort bringen. Die Mitarbeiter/innen haben Kenntnisse in den Bereichen Fallmanagement, Leistungssachbearbeitung, Arbeitsvermittlung, Sozialarbeit und Projektentwicklung. Neben den umfangreichen, allgemeinen Informationen zum SGB II und SGB XII bieten sie alle originären Dienstleistungen der ARGE und die persönlichen Hilfen des Sozialamtes an.

Im Sinne eines vernetzten Ansatzes werden hier auch gemeinsam mit den vor Ort bereits engagierten Akteuren die aus dem Prozess „Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund“ heraus erarbeiteten Strukturen kleinräumig entwickelt und Projekte für den Sozialraum initiiert.

Die wichtigsten Umsetzungsschritte im Prozess waren / sind:

  • Der Ratsbeschluss zur Weiterentwicklung des Berichtswesens im Juni 2005.
  • Die Mitwirkung der oben genannten Organisationen im Februar 2006.
  • Die Veröffentlichung des Berichtswesens und des Entwurfs des „Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund“ im November 2007.
  • Der Start der Bürgerbeteiligung über die Auftaktveranstaltung „Forum soziale Stadt: Arbeit schaffen, Kinder stärken, Gemeinsam handeln“ am 21. Februar 2008.
  • Die Implementierung des Querschnittgedanken in der Verwaltung über die Verwaltungsmatrix der Handlungsfelder, Projekte und Aktivitäten zur Umsetzung des „Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund“ im 1. Halbjahr 2007.
  • Fortsetzung der Bürgerbeteiligung über dezentrale Veranstaltungen zu konkreten Themen vor Ort in den Sozialräumen mit unterdurchschnittlicher Entwicklung.

Erfolge:

  • Herausragend im begonnenen Prozess sind:
    • Die solide Datenbasis als Ausgangslage und ihre Verfügbarkeit im Internet
    • Die breite Prozessbeteiligung und -transparenz und
    • die Nachhaltigkeit bzw. Verstetigung dieses Prozesses durch die genannten Aktionsbüros, die ab April 2008 sukzessive in den Sozialräumen mit unterdurchschnittlicher Entwicklung eingerichtet werden.

Kontakt:

Christiane Certa

Telefon: 0231 - 50 27 474

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Manfred Stankewitz

Telefon: 0231 - 50 25 758

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Weitere Informationen:

 

 

Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.

 

Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune

 

 

Stand: Januar 2008

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Christiane Certa
Diplom-Soziologin

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Diplom-Sozialwissenschaftler

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