Bertelsmann Stiftung

Die neue Planungskultur: Stadtentwicklung, Beteiligung und strategische Planung

Demographie-Profil:

Bundesland

Nordrhein-Westfalen

Bevölkerung (31.12.2009)

581.308

Entwicklung 2002-2009 (in %)

-1,6

Entwicklung 2009-2030 (in %)

-5,2

Räumliche Einordnung

Agglomerationsräume - Kernstädte

Demographieprofil

Schrumpfende Großstädte im postindustriellen Strukturwandel

Ausgangslage:

  • Die Stadt Dortmund wird seit rund 40 Jahren massiv durch den Strukturwandel geprägt. Dies findet seinen Ausdruck u. a. in einer vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit, zahlreichen brach gefallenen Flächen und der Ausbildung von sog. benachteiligten Stadtteilen.
  • Mit dem Strukturwandel gehen starke soziale Veränderungen einher, die in Verknüpfung mit sich abzeichnenden demographischen Veränderungen stärkere Brüche in der Stadtgesellschaft befürchten lassen, das Gleichgewicht der Stadtteile untereinander hinterfragen und am Ende eine ausgewogene Stadtentwicklung kaum noch zulassen.
  • Vor diesem Hintergrund ist eine strategische Planung notwendig, um die Bürger und alle anderen am Standort Dortmund Interessierten bei der Gestaltung des „Neuen Dortmunds" aktiv einzubeziehen.
  • Anlässlich der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans wurde hierzu ein weit über die gesetzlichen Regelungen des BauGB hinausreichender systematischer Handlungsansatz entwickelt, der eine verbesserte Information voraussetzt, von einer aktiven Teilhabe der Bürger sowie gesellschaftlicher Gruppen ausgeht und das Angebot zur „Mitbestimmung" beinhaltet.
  • Um den Anforderungen einer strategischen Planung gerecht zu werden, wurden neue Planungselemente „erfunden“, um den umfassenden Einwicklungsprozess für alle Beteiligten (Politik, Verwaltung, Bürger, Vereine, Verbände, Initiativen etc.) verständlicher und handhabbarer zu machen.

Ziele:

  • Erstellung einer breit abgestimmten und in der Folge in der Stadtgesellschaft verankerten strategischen Grundlage für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung. Hieraus leiten sich ergebnis- bzw. prozessbezogene Ziele ab.
  • Hohe Qualitätsanforderungen für das Endprodukt (den neuen Flächennutzungsplan) und den Verfahrensweg. Dies soll insbesondere erreicht werden über eine starke Beteiligung und Mitwirkung, einer weiteren Verbesserung der Identifikation der Bürger mit der Stadt und einer Steigerung des Engagements für die Stadt. Mit Blick auf die Ergebnisse ging es u. a. um:
    • Die Sicherung und Definition einer zukunftsweisenden ökonomischen Entwicklung (Qualifizierung / Ausweisung von Wirtschaftsflächen).
    • Die Ausgestaltung und Neuinterpretation des Wohnens (Wohnbauflächen, Bestandsentwicklung).
    • Eine Stärkung und Aufwertung der Stadtbezirke und der Stadtteil- / Ortsteil- / Quartierszentren (Einzelhandel, Erreichbarkeit).
    • Den Schutz und die Entwicklung von Landschaft, Natur und Umwelt (Rückgewinnung von Landschaft aus alten Industriebrachen, Ausweisung neuer Naturschutzgebiete).
    • Die innovative Bewältigung aktueller Mobilitätsanforderungen.
  • Damit werden wichtige Antworten zur zielgerichteten Steuerung des strukturellen Wandels (einschließlich demographischer Entwicklungen) gegeben, die nicht nur (einseitig) ökonomisch sondern vielmehr auch auf andere Bereiche ausgerichtet sind. Dieses integrierte Vorgehen trägt zu einem Gleichklang der Interessen aus Wirtschaft, Wohnen, Einzelhandel, Umwelt, Mobilität u. a. m. bei.

Umsetzung:

  • Der erste und grundlegende Schritt zum Aufbau und zur Etablierung einer neuen Dortmunder Planungskultur ist in der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans zu sehen. Auf Vorschlag der Verwaltung ist dies mit der Erstellung von Masterplänen für die Bereiche Umwelt, Einzelhandel, Wirtschaftsflächen, Mobilität und Wohnen sowie mit der Erstellung von Integrierten Stadtbezirksentwicklungskonzepten (INSEKTs) für alle 12 Dortmunder Stadtbezirke verknüpft worden.
  • Die Integrierten Stadtbezirksentwicklungskonzepte widmen sich den einzelnen Stadtbezirken mit ihren Stadt- bzw. Ortsteilen und beinhalten u.a. eine flächengenaue Analyse räumlicher Entwicklungsbereiche (Potenziale) und die Definition von daraus abgeleiteten Entwicklungszielen.
  • Die Ergebnisse der Analyse und Planung wurden in allen Stadtbezirken über einen Zeitraum von ca. 2 Jahren mehrfach vor- und zur Diskussion gestellt. Die eingeladenen Bürger/innen beteiligten sich sehr zahlreich (ca. 10.000 Teilnehmer/innen) und rege, so dass die Planung für die Stadtbezirke durch die eingebrachten Bürgerinteressen weiter qualifiziert werden konnte.
  • Gegenwärtig wird an einer Aktualisierung und Weiterentwicklung der INSEKTs durch die Planungsverwaltung gearbeitet. Die nächsten Runden der Bürgerbeteiligung begannen im Herbst 2007.
  • Das Thema Qualität im Städtebau spielt in einer Stadt im Strukturwandel eine entscheidende Rolle. Daher wurde im Jahre 2001 der Gestaltungsbeirat gegründet. Ihm gehören Architekten, Planer und Hochschulprofessoren aber auch Lokalpolitiker, Einzelhändler und bildende Künstler an. Der Gestaltungsbeirat berät den Rat der Stadt Dortmund in allen (relevanten) baulichen Fragen der Gestaltung und gibt Empfehlungen hierzu ab.
  • Um die öffentliche Diskussion zu den verschiedenen raumbezogenen Fragestellungen zu unterstützen, bildete sich im Jahre 2002 zusätzlich das FORUM Stadtbaukultur Dortmund, welches monatlich zusammen tritt und die unterschiedlichsten Themen behandelt.
  • Um den Strukturwandel und die sich daraus ableitenden Fragen der Stadtentwicklung begreifbar zu machen und bürgernah zu vermitteln, reichen formelle und informelle Planwerke und Planverfahren - auch wenn sie bereits recht niederschwellig angelegt sind - oftmals nicht aus. Vor diesem Hintergrund werden bspw. regelmäßig Wanderungen und Führungen zu den großen Flächenprojekten des Strukturwandels durch die Planungsverwaltung angeboten (z.B. Dortmunder Emscherwanderung mit bis zu 170 Teilnehmer/innen).
    • Aus diesem Gedanken heraus hat sich im Rahmen des regionalen Projektes „Fluss Stadt Land“, welches sich primär dem Strukturwandel entlang der Flüsse und Kanäle im nördlichen und östlichen Ruhrgebiet widmet, eine lokale (Unterstützer-/) Arbeitsgruppe gebildet, der rund 120 Vereine, Unternehmen, Einzelpersonen u. a. m. angehören. Die lokale Arbeitsgruppe stellt unter Federführung des Planungsdezernates seit 2003 alljährlich ein eigenes Veranstaltungsprogramm auf, welches zwischen 60 und 100 Veranstaltungen enthält. Insbesondere die Vermittlung an die jüngste Generation ist ein besonderes Anliegen der Gruppe, so dass seit 2004 eine eigenständige Sommerakademie für Grundschulkinder Umsetzung findet. Hier lernen die Jüngsten in Verbindung mit viel Spaß im Rahmen von etwa 50 - 60 Workshops und Ausflügen Neues über das Wasser in ihrer Stadt kennen und setzen sich dabei mit vielfältigen Fragen auseinander.
  • Damit die Menschen in der Dortmunder Nordstadt, einem Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf, noch mehr Verantwortung für ihre Quartiere übernehmen (können!), wurde Anfang 2005 mit den "Quartiersfonds" ein interessanter Modellversuch auf den Weg gebracht. Für die drei Quartiere Hafen, Nordmarkt und Borsigplatz stehen für die Dauer von einem Jahr jeweils 15.000 € für stadtteilbezogene Projekte zur Verfügung, die aus den Quartieren heraus vorgeschlagen werden können. Eine Bewohnerjury entscheidet, wie das Geld verwendet werden soll. Der Modellversuch hat sich bewährt und wird fortgesetzt.

Erfolge:

  • Die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans kann auf eine ungewöhnlich schnelle und qualifizierte Umsetzung zurückblicken. Das sehr hohe Maß an Bürgerbeteiligung ist Ausdruck intensiver Befassung und Diskussion. Insgesamt gab es ca. 120 Veranstaltungen mit etwa 20.000 Teilnehmer/innen. In der Folge sind fast 1.400 Anregungen vorgebracht worden, die zu mehr als 800 Veränderungen am Entwurf des Flächennutzungsplans geführt haben.
  • Insgesamt hat die Stadt erheblich an Lebensqualität gewonnen und Bürgerumfragen zeigen ein hohes Maß an Zufriedenheit der Bürger/innen mit ihrer Stadt (92 % „gut“ oder „sehr gut“).
  • „Grau raus – Grün rein“ war eine wichtige Leitidee bei der Neuaufstellung des FNP. Erfreulicherweise ist es tatsächlich gelungen, den Anteil an Grünflächen und Freiraum zu sichern und zu vermehren, wohingegen die Flächen für Gewerbe und Industrie in der Gesamtbilanz zurückgefahren werden bzw. auch auf Altstandorte umgelenkt werden konnten. Hiermit kommt es gleichzeitig zu einer Reaktivierung von Brachflächen.
  • Die verstärkte Betrachtung der Stadtteile im Rahmen der INSEKTs zeigt Wirkungen. So sind heute z.B. in allen Stadtbezirken Seniorenbüros und Familienbüros anzutreffen, die sich ganzheitlich um die Anliegen ihrer Kunden/innen vor Ort kümmern.
  • Angestoßen durch das dortmund-project sind in Dortmund neue Führungsbranchen auf den Weg gebracht worden (Informationstechnologie, Mikrostrukturtechnik, Logistik). Die in diesem Kontext verstärkte Fokussierung der Wirtschaft auf die vorhandenen Stärken hat u.a. zu einer klaren Profilbildung des Standortes Dortmund und einzelner Entwicklungsflächen geführt. In der Folge ist es zu gezielten Neuansiedlungen gekommen, die Zahl der Erwerbstätigen steigt wieder an und die Zahl der Arbeitslosen sinkt gegenwärtig. In diesem Zusammenhang wurde Dortmund von EUROCITIES im Jahre 2006 auch zur innovativsten Stadt Europas gekürt.
  • Das Thema städtebauliche Qualität ist mittlerweile allgegenwärtig und in Dortmund „en vogue“.
  • Insgesamt hat die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans viel Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Strukturwandel, Stadtentwicklung und Planungsprozesse bewirkt und für mehr Transparenz von Verwaltungshandeln gesorgt.
  • Durch eine Vielzahl von lokalen Diskussionen und Projekten ist darüber hinaus ein Plus an Bürgernähe erreicht worden, Kooperationsstrukturen und Netzwerke (Verwaltung, intermediäre Organisationen, Bürger) haben sich aufgebaut und etabliert. Das Beispiel „Fluss Stadt Land“ macht hierbei deutlich, dass Bürgerengagement nicht nur ausgelöst werden sondern auch nachhaltig wirken kann.

Kontakt:

Stefan Thabe

Telefon: 0231 - 50 27 299

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Weitere Informationen:

 

 

 

Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.

 

Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune

 

 

Stand: September 2010

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Stefan Thabe

Stadt Dortmund

Burgwall 14

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Telefon: 0231 - 50 27 299

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