Bertelsmann Stiftung

Dormagen - NeFF - Netzwerk frühe Förderung – Netzwerk für Familien

Demographie-Profil:

Bundesland, Landkreis

Nordrhein-Westfalen, Rhein-Kreis Neuss

Bevölkerung (31.12.2009)

62.924

Entwicklung 2002-2009 (in %)

-1,0

Entwicklung 2009-2030 (in %)

-7,4

Räumliche Einordnung

Agglomerationsräume - Hochverdichtete Kreise

Demographietyp

Städte und Gemeinden im ländlichen Raum mit geringer Dynamik

Ausgangslage:

  • Die Stadt Dormagen verfügt bereits seit Jahren über ein weit reichendes und ständig erweitertes Familienförderkonzept zur Vermeidung von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung. Bereits 1996 wurden Jugend- und Sozialhilfe in einer Organisationseinheit zusammengefasst, um von staatlichen Leistungstransfers abhängigen Menschen ganzheitliche Hilfe anzubieten. Die Lebensumstände von Kindern sollten in allen relevanten Bereichen positiv beeinflusst werden. In enger Zusammenarbeit mit den freien Trägern vor Ort wurden Standards dieser Arbeit definiert (vgl. Stadt Dormagen (Hrsg.) (2001): Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe. Opladen).
  • Bis zur Umsetzung von Hartz IV waren nahezu alle armen Kinder den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes bekannt. Durch Hartz IV wurde im Regelfall die ARGE zuständig und so konnte eine große Zahl der armen Kinder bis zum eventuellen Besuch des Kindergartens oder der Einschulung den städtischen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern unbekannt bleiben. Vorhandene, frühe Hilfen drohten damit ins Leere zu gehen. 2005 lebten in Dormagen 1300 Kinder an der Armutsgrenze. Damit einher gingen Auffälligkeiten bei der Sprachentwicklung, der motorischen Entwicklung, der seelischen Gesundheit, der sozialen Kompetenz und eine Benachteiligung der Kinder in ihrer Entwicklung. Der Ausgangsgedanke war also die Gefahr, dass Hilfen oft zu spät kommen und dann umso aufwendiger sind.
  • Um die Armutsfolgen zu mildern, sollten niedrigschwellige Zugänge zu den betroffen Familien gefunden werden, damit eine möglichst frühe Unterstützung und Hilfe angeboten werden kann. Einen Ansatz hierzu bot das mehrsystemische „Netzwerk Frühe Förderung“ (NeFF), dass vom Landschaftsverband Rheinland 2006 bis 2009 mit sechs Kommunen entwickelt wurde. Das Netzwerk besteht jeweils aus verschiedenen Anbietern und Diensten aus dem Bereich von Kindertagesstätten, des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), der Familienberatung, der Familienbildung und des Gesundheitswesens in den beteiligten Kommunen.

Ziel:

  • Die Ziele des Netzwerks Frühe Förderung in Dormagen orientieren sich unmittelbar am KJHG (§1 SGB IIIV, Satz 3 Abs. 1-4). So soll das Netzwerk
    • junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,
    • Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
    • Kinder und Jugendliche vor Gefahren schützen,
    • dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien und eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu schaffen.
  • Das Leitziel des Dormagener Netzwerkes besteht entsprechend darin, Benachteiligungen abzubauen. Ermöglicht werden soll dieser Vorsatz durch einen modernen Kinderschutz in der Jugend- und Familienhilfe, eine möglichst frühe Förderung von Kindern, die Initiierung einer Vielzahl von Präventionsprojekten und die Unterstützung von Familien in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Moderner Kinderschutz bedeutet hier vor allem, Lebensbedingungen dadurch zu verändern, dass die Eigenkräfte der Familien gestärkt, soziale Konflikte und Notlagen erkannt und konkret Hilfe geleistet wird. So versteht sich das Präventionsnetzwerk auch als kommunales Bildungsnetzwerk. Das bedeutet:
  • Begonnen wird zum jeweils frühest möglichen Zeitpunkt (Präventionskette).
  • Gesucht wird die Sicherung existenzieller Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes (Schulmittelfreiheit, Familienpass, Betreuungsplatz, Elternschule etc.).
  • Gefördert werden Teilhabe, Integration, Bildung und Gesundheit
  • Eltern und Familien sind erste Adressaten.
  • Die Lebenswelt der Kinder (KiTas, Schule, Stadtteil etc) nimmt Einfluss. 

Umsetzung:

Bedarfe erkennen

  • Zur optimalen Angebotsabstimmung werden regelmäßige Befragungen zu Bedarfen und zur Qualität der eigenen Arbeit durchgeführt. Die Befragungen erfolgen dabei in Kooperation mit Fachhochschulen wie der FH Köln oder durch Eigenleistung. Die gewonnenen Ergebnisse fließen in einen Qualitätsentwicklungsprozess ein.
  • Zur Bedarfsanalyse gehören:
    • Interviews mit allen Fachkräften im Stadtgebiet zu Themen wie Armut, Prävention, Frühe Hilfen
    • Befragung von Kindern zum Thema Kinderarmut
    • Befragung von Eltern zum Betreuungsbedarf
    • Jährliche Bürgerversammlungen in allen Stadtteilen zu Themen wie Kinderbetreuungsbedarf, Schulsituation, Verkehr
    • Sozialraumkonferenzen / Stadtteilarbeitskreise
    • Analysen kinder- und jugendärztlicher Dienste
    • Detaillierte Auswertung der gewährten Erziehungshilfe

Steuern und Koordinieren

  • Die entscheidenden „Motoren“ für das Projekt stellen der Bürgermeister, der Fachbereichsleiter, verschiedene Ausschüsse sowie ein Netzwerkmanagement bestehend aus einem Mitarbeiter der freien Verbände (Caritas) und einem Mitarbeiter des Jugendamtes dar. Der Bürgermeister und der Fachbereichsleiter tragen besonders zur Sicherung der Ressourcen bei, beteiligen sich persönlich an der Qualitätsentwicklung, motivieren die Akteure des Projekts durch eine aktive Wertschätzung, nehmen an Fachtagen teil etc.
  • Eine Lenkungsgruppe, zusammengesetzt aus wichtigen Fachkräften im Bereich frühe präventive Hilfen bearbeitet relevante Themen im Netzwerk. Regelmäßige Treffen der Leitungen der Familienzentren und Schulen arbeiten am Aufbau von Handlungsnetzwerken mit. Arbeitsgruppen setzen sich zeitlich begrenzt zu spezifischen Themen zusammen. Für den konkreten Koordinationsablauf bedeutet das:
  1. Ein Thema wird durch die Verwaltungsspitze, Produktverantwortliche, Freie Träger oder die Fachebene in die Lenkungsgruppe eingebracht. Bevor es zur Entwicklung von Projekten/ Programmen kommt, wird nach Beispielen guter Praxis gesucht. Sollten keine passenden Beispiele vorhanden sein, wird gemeinsam geprüft, ob ausreichend Ressourcen vorhanden sind, um ein entsprechendes Angebot von Grund auf zu entwickeln.
  2. Im weiteren Verlauf wird die Bearbeitungsweise für den weiteren Prozessverlauf festgelegt. Beansprucht die Bearbeitung des Themas eine längere Zeit und sollte sie von verschiedenen Professionen erarbeitet werden, wird die Bearbeitung von einer Arbeitsgruppe übernommen. Sie setzt sich aus Fachexperten zur jeweiligen Thematik aus der Stadt zusammen und unterbreitet Vorschläge an die Lenkungsgruppe.
  3. Die Lenkungsgruppe überlegt, wie die vorgeschlagene Qualitätsentwicklung gesichert werden kann. Können die Vorschläge nicht aus eigenen Ressourcen umgesetzt werden, überlegt die Lenkungsgruppe, mit welchen Empfehlungen sie an die Verwaltungsspitze oder Ausschüsse treten kann.
  4. Die Verwaltungsspitze und die Politik prüfen ihrerseits, ob und wann sie auf dem vorgeschlagenen Weg eine verbesserte Qualität für die Stadt umsetzen möchten und entscheiden entsprechende Umsetzungsschritte.

Kooperieren im Zusammenspiel verschiedener Netzwerke

  • Der Dialog über möglichst viele Ebenen gilt als entscheidende Methode für das NeFF in Dormagen, bestimmt durch eine gegenseitige Wertschätzung und den Willen, sich gemeinsam weiter zu entwickeln. Gleichermaßen wird ein Dialog in der Politik, der Verwaltung, mit den freien Trägern, mit den Fachkräften, mit den Eltern und mit den Kindern gesucht.
  • Um eine gute Kooperation der verschiedenen Dienste zu erreichen, wurde hierzu ein sog. Netzwerkzyklus installiert. Dieser strukturiert die Treffen der Netzwerkbeteiligten und hält diese zugleich in einem überschaubaren Rahmen, damit es nicht zur Überforderung des Einzelnen kommen kann:
    • zweimaliges Treffen der Lenkungsgruppe pro Jahr
    • viermaliges Treffen der Familienzentren pro Jahr
    • zweimaliges Treffen der AG Schulen pro Jahr
    • einmalige Fachtagung pro Jahr
    • einmaliges Gesamtnetzwerktreffen
    • thematische AGs nach Vereinbarung

Partizipation schaffen

  • Kinderschutz wird in Dormagen als eine partnerschaftlich-demokratische Aktivität zur Schaffung einer kinderfreundlichen Kultur des Aufwachsens verstanden.
  • Nur wenn Kinder und Eltern Teil des Netzwerks sind, kann die Arbeit der Kommune erfolgreich sein. Um dieses Ziel zu erreichen, findet zweimal jährlich ein Kinderparlament statt.  Eltern werden zu den Qualitätswerkstätten des Projekts eingeladen.

In der Politik verankern

  • Das Dormagener Netzwerk Frühe Förderung ist zum einen durch die aktive Beteiligung des Bürgermeisters, zum anderen über den Jugendhilfe- und den Schulausschuss in der kommunalen Politik fest verankert. Mindestens einmal jährlich wird über die erfolgten Arbeitsfortschritte in den Ausschüssen berichtet. Mitglieder der Ausschüsse beteiligen sich an verschiedenen Workshops des Projekts. Entscheidungen trifft der Jugendhilfeausschuss vor allem, wenn vorhandene Ressourcen nicht ausreichen.

Rahmenbedingungen und Finanzierung sichern

Gesichert wird das Projekt durch:

  • Eine halbe Stelle für die Netzwerkkoordination
  • Fördermittel für Aktivitäten des Netzwerkes in Höhe von 7.000 Euro jährlich
  • Die Sicherung weiterer Zeitressourcen für alle Beteiligten
  • Die Ermöglichung regelmäßiger Weiterbildungsangebote

Erfolge:

  • Die Ergebnisse der Selbst- und Fremdevaluation haben gezeigt, dass sich eine fortlaufende Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und deren Familien eingestellt hat. Zudem wurde durch die Netzwerkarbeit eine Wertschätzung der verschiedenen Dienste untereinander erreicht. Ämter, Träger, sowie Einrichtungen verstehen sich mehr als lernende und sich entwickelnde Organisationen. Dies wurde nicht zuletzt durch das gemeinsame Ziel und den festen Willen, eine familienfreundliche Stadt zu werden, angeregt. Bisherige Erfolge des Netzwerkes sind insbesondere:
    • Eine regelmäßige Bedarfsermittlung
    • Der Aufbau eines Präventionsnetzwerks mit den Schwerpunkten: Gesundheit, Erziehung, Bildung, Integration, Fortbildungen von päd. Fachkräften in Kindertagesstätten und Grundschulen
    • Die systematische Einführung einer Präventionskette im Leben des Kindes: von der Schwangerschaft über die Geburt, den Besuch des Kindergarten, bis zur Grundschulzeit
    • Die Entwicklung von „Willkommen im Leben“, einem Babybegrüßungspaket mit umfassenden Informationen und einem Willkommensbesuch, die einen diskriminierungsfreien Zugang zu allen neuen Eltern in der Stadt ermöglichen.
    • Der Ausbau der Zusammenarbeit von Gesundheitsamt, Schulen, Kindergärten, Ärzten und Jugendhilfe; z.B. durch institutionalisierte Gesundheitsprojekte und im Dialog erarbeitete Standards zur Prävention
    • Die Umsetzung des neuen Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung in verbindlichen Vereinbarungen mit allen Trägern der Freien Jugendhilfe und der Schulen
    • Der Aufbau von Elternschulen in der Stadtmitte und den verschiedenen Sozialräumen, inklusive an den Entwicklungsphasen orientierten zusätzlichen Angeboten (Babyclubs, Krabbelclubs, etc.)
    • Die systematische Entwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren und ihre kontinuierliche Unterstützung beim weiteren Ausbau der Angebote
    • Der Aufbau einer koordinierten Öffentlichkeitsarbeit (u. a. Internetseite für Familien, Aufbau eines elektronischen Newsletters über aktuelle Ereignisse)
    • Die Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern zu Themen der Frühen Förderung

Kontakt:

Uwe Sandvoss

Telefon: 02133 - 25 72 45

› Mail

 

Weitere Informationen:

» NeFF - Netzwerk Frühe Förderung

» Landschaftsverband Rheinland - NeFF

 

 

 

Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden, bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.

 

Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune

 

 

Stand: September 2010

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Uwe Sandvoss

NeFF - Netzwerk Frühe Förderung

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Paul-Wierich-Platz 2

41538 Dormagen

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