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Bundesland |
Nordrhein-Westfalen |
Bevölkerung (31.12.2009) |
74.805 |
Entwicklung 2002-2009 (in %) |
-3,3 |
Entwicklung 2009-2030 (in %) |
-12,6 |
Räumliche Einordnung |
Verstädterte Räume - Gemeinde im ländlichen Kreis |
Demographietyp |
Stabile Mittelstädte und regionale Zentren mit geringem Familienanteil |
Die Stadt Arnsberg wurde vor mehr als 30 Jahren im Rahmen der kommunalen Gebietsreform aus zwei Städten und zwölf Dörfern gebildet. Sie verfügt somit über mehrere gewachsene Stadtzentren. Über 60 Prozent des Stadtgebietes sind von Wald bedeckt. Durch die geringe Siedlungsdichte ist eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Dienstleistungen gerade in den peripher gelegenen Ortschaften schon heute problematisch. Für die kommenden 15 Jahre gehen aktuelle Prognosen bei heute rund 75.000 Einwohnern von einem Bevölkerungsrückgang um etwa 7.000 Einwohner aus, wodurch sich diese Situation noch verschärfen wird. In der Stadt Arnsberg leben etwa 1200 Menschen mit Demenz (Schätzung). Bereits in den 1990er Jahren war die grundsätzliche Richtung der Bevölkerungsentwicklung Arnsbergs bekannt. Schon damals wurden wichtige strategische Entscheidungen getroffen, um sich auf diese demographischen Veränderungen vorzubereiten. Somit beschäftigt sich Arnsberg mittlerweile seit etwa 15 Jahren intensiv mit den Auswirkungen des demographischen Wandels. Ergebnisse dieser Beschäftigung sind unter anderem die Gründung der kommunalen Fachstelle Zukunft Alter, die heute zentraler Knotenpunkt eines breiten, Generationen verbindenden lokalen Netzwerkes unterschiedlichster Partner ist. An diese gewachsenen Strukturen knüpft die „Lern-Werkstadt Demenz“ an. Mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung wurde ein Aktionsprogramm entworfen, das die Möglichkeiten einer Kombination professioneller und zivilgesellschaftlicher Ressourcen für Menschen mit Demenz und ihre Familien erschließen soll. Die Robert Bosch Stiftung förderte die ersten drei Jahre des Aktionsprogramms als Modellprojekt.
Das Projekt stellt Menschen mit Demenz und deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Ihre Lebenswelt soll auch für Nichtbetroffene erfahrbar werden. Stück für Stück will das Projekt das Thema enttabuisieren und bürgerschaftliches Engagement auf diesem Feld stärken. Ziel ist es, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz zu verbessern und Angehörige zu entlasten. Hier bringen alle Arnsberger ihre Ideen ein: Schüler, die mit Betroffenen malen, Jugendliche, die mit Senioren Zauberstücke einüben, oder Erwachsene, die gemeinsam mit Menschen mit Demenz kegeln gehen. Der Modellansatz besteht darin, bürgerschaftliche Kräfte für Menschen mit Demenz zu erschließen. Die Stadt übernimmt Verantwortung und richtet eine Koordinationsstelle ein, die alle Aktivitäten konzipiert und organisiert. Neben den „klassischen“ Hilfen bei Demenz (wie die Vermittlung von ambulanten Pflegediensten, Tagespflegen oder Unterstützung bei der Antragstellung für Leistungen der Pflegeversicherung) soll in den Beratungsstützpunkten auch die Unterstützung von Freunden und Familien, Nachbarn und Engagierten vermittelt werden. Mit der Zusammenführung dieser beiden Ressourcen wird der Mensch nicht (nur) mit seinen Defiziten gesehen, sondern es werden seine Fähigkeiten und Wünsche erkannt und respektiert. Dafür übernimmt die Kommune Verantwortung und unterstützt den Schulterschluss von Verwaltung, professionellen Akteuren und Bürgern. Folgende Unterziele wurden definiert:
- Die Lebenssituation von Menschen mit Demenz verbessern und stabilisieren.
- Betreuende und pflegende Angehörige entlasten.
- Das Thema Demenz enttabuisieren, die Öffentlichkeit sensibilisieren und Solidarität schaffen.
- Neue Rollen für bürgerschaftliches Engagement entwickeln.
- Erfolgsfaktoren für eine gelungene Vermittlungsarbeit sind:
- Etablierte kommunale Beratungsstellen für den Ansatz gewinnen.
- Gespräche mit vermittelnden Stellen führen (Hausärzte, Sozialdienst der Krankenhäuser, Pflegedienste etc.).
- Existierende lokale bürgerschaftliche Angebote sammeln, Kontakte herstellen, Möglichkeiten der Zusammenarbeit klären.
- Die Atmosphäre der Kooperation/Beziehungspflege zu bürgerschaftlichenGruppen und Einzelpersonen.
- Stimmige „Blickrichtung“ des Beraters in Richtung Potenziale der Zivilgesellschaft.
- Niedrigschwellige, meist kurzfristige Hilfe- und Betreuungsangebote, deren Vermittlung durch einen Pool von geschulten Helferinnen ermöglicht wird.
- Familien mit relativ guter Integration in ein soziales Umfeld sind besonders offen für zivilgesellschaftliche Unterstützungsangebote
Die Veranstaltungen im Rahmen des Projektes, die sich an die Öffentlichkeit wandten, trafen auf großes Interesse (bis zu 400 Teilnehmer). Diese Maßnahmen dienten dazu, die Projektziele zu vermitteln, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und das Thema Demenz zu enttabuisieren. Im Rahmen der Evaluation des Projektes gaben 62 Prozent der befragten Multiplikatoren an, ihr Wissen über Demenz habe sich durch die Arnsberger „Lern-Werkstadt“ Demenz erweitert. 79 Prozent hatten den Eindruck, dass das Bild von Demenz in der Öffentlichkeit positiv beeinflusst wurde. 97 Prozent kannten eine Anlaufstelle, an die sie sich mit Fragen oder im Beratungsfall wenden können. Damit haben die Anstrengungen der Stadt Arnsberg auf diesem Gebiet gute Ergebnisse erzielt. - Das Schulungsangebot wurde insgesamt gut angenommen. Veranstaltungen für Angehörige (Kommunikation mit Menschen mit Demenz, Umgang mit herausforderndem Verhalten, Pflege zu Hause, etc.) wurden besonders häufig nachgefragt. Diese Veranstaltungen sollten – möglichst im Halbjahresrhythmus – wiederholt werden, da immer wieder neue Angehörige vor denselben Fragen stehen. Daneben wurden Schulungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen entwickelt. Die Auswertung von 15 der insgesamt über 30 Schulungen für Teilnehmer aus unterschiedlichen beruflichen Feldern hat ergeben, dass sie das vermittelte Wissen gut in ihrem beruflichen Alltag verwenden können. Angeboten wurden vor allem Kurse zu den Themen Umgang/Kommunikation mit Menschen mit Demenz sowie Menschen mit Demenz im jeweiligen Berufskontext. Mit den Schulungsangeboten im beruflichen Kontext wurden etwa 550 Menschen erreicht. Angebote für die breite Öffentlichkeit (Engagierte, Angehörige, Interessierte) erreichten über 2700 Personen im Rahmen von rund 70 Veranstaltungen.
- Die Entwicklung von Angeboten für Menschen mit Demenz ist auf eine große Bereitschaft zur Beteiligung der lokalen Akteure gestoßen. Es wurden bestehende Angebote für Menschen mit Demenz geöffnet und neue entwickelt. Die langjährigen intensiven Kontakte zu Ehrenamtlichen, Vereinen, Chören oder anderen bürgerschaftlichen Gruppen wirkten sich positiv aus. Die Kooperation mit Bildungs- und Erziehungseinrichtungen führte gerade unter der Zielsetzung des Dialogs der Generationen zu vielen Initiativen, die Kinder und Jugendliche mit den Fragen des Älterwerdens und der Demenz in Verbindung brachten. Gleichzeitig nahmen auch die kulturellen und kreativen Angebote für Menschen mit und ohne Demenz zu. Entscheidend war hier der Ansatz, alle interessierten Akteure zur Zusammenarbeit einzuladen. Schulen und Kindergärten, Vereine, Alteneinrichtungen und viele andere wendeten sich mit eigenen Projektideen an die Projektleitung. Es wurden über 40 Einzelprojekte im Stadtgebiet umgesetzt, von Kindergarten-Altenheim-Kooperationen über eine Broschüre zum Thema Wohnraumanpassung bei Demenz für das Handwerk bis zu Kreativ-Angeboten wie Tanzen, Handwerken und Malen oder den Zirkus der Generationen (Praxisbeispiele sind am Ende jedes Kapitels aufgeführt). In diesen Angeboten konnten Menschen mit und ohne Demenz gemeinsam ihre Fähigkeiten entfalten und Neues entdecken. Gleichzeitig wurde in den Medien immer wieder über einzelne Projekte berichtet.
- Den Erfahrungen auf der Einzelfallebene kommt ein besonderer Stellenwert zu. In der Einzelfallberatung wurde der individuelle Unterstützungsbedarf ermittelt, um anschließend die verfügbaren Ressourcen sowohl aus dem professionellen Sektor als auch aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich zu vermitteln. Die passgenaue Vermittlung von bürgerschaftlichem Engagement im Einzelfall erwies sich jedoch als schwierig. Dies zeigte der Kontakt zu etwa 250 Klienten, die im Laufe der Projektphase Kontakt zu den Projektberatern hatten.
In der dreijährigen Projektphase ist es gelungen, dem Thema Demenz einen besonderen Stellenwert in der lokalen Öffentlichkeit zu verschaffen. In über 300 Artikeln in lokalen Zeitungen wurde das gesamte Spektrum behandelt: Porträts von Menschen mit Demenz und ihren Familien, Berichte und Reportagen aus Projekten, Interviews mit Verantwortlichen im Stadtgebiet, Hintergrundinformationen zum demographischen Wandel, der Alterung der Gesellschaft, der zahlenmäßigen Zunahme von Demenzerkrankungen und vielem mehr. Der in Arnsberg gedrehte Film „Diagnose Demenz“ diente vielfach als Türöffner und Einstieg in die Thematik. Er zeigt am Einzelschicksal, was Demenz für eine Familie bedeutet und welche Unterstützung sowohl von professioneller Seite als auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, der Nachbarschaft und dem Stadtviertel gebraucht wird. Er wird online abgerufen oder als DVD versendet und zur Schulung auch in anderen Städten verwendet. - Demenz wird in Arnsberg als gesamtgesellschaftliches Thema verstanden. Es geht darum, die Einstellungen zu Demenz in der Öffentlichkeit zu verändern, das Wissen über Demenz zu erweitern und Berührungsängste zu mindern. Verständnis für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen soll gefördert werden. Dazu ist umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Über Print, Funk und Internet wurde Demenz thematisiert, betroffene Menschen und ihre Lebenswelt dargestellt. Berichte über lokale Projekte von Netzwerkpartnern in den Medien erweitern die Öffentlichkeitswirksamkeit der Aktivitäten. Zahlreiche Vorträge und Veranstaltungen richten sich an ein breites Publikum, um möglichst viele Menschen zu erreichen, die bis dahin keine direkten Berührungspunkte mit dem Thema hatten.
- Mit einem Schulungs- und Fortbildungsprogramm werden unterschiedliche Zielgruppen möglichst passgenau angesprochen. Schwerpunkte bilden hier die Gruppen:
- Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
- Gruppen, die im beruflichen Alltag auf Menschen mit Demenz treffen (können) wie Busfahrer oder Bankangestellte
- Fachpersonal aus Medizin, Pflege und Betreuung
- Zivilgesellschaftlich engagierte Bürger.
- Netzwerke zwischen unterschiedlichen Akteuren wurden aufgebaut und erweitert, um bestehende Angebote für Menschen mit Demenz zu öffnen und neu zu entwickeln. Die Kommune als neutraler Partner lud ein, vermittelte und moderierte. Die stationären und ambulanten Anbieter, ehrenamtliche Gruppen und Initiativen, Mediziner und Pfleger, Vertreter des Kreises und der Stadt haben sich im Arnsberger Netzwerk Demenz, einem Runden Tisch, zusammengeschlossen. Zahlreiche Einzelprojekte und Kooperationen zwischen Partnern aus den Bereichen Wohnen im Alter und Pflege, Bildung und Kultur, Alten- und Jugendarbeit, Wirtschaft und Politik, Vereine und Verbände erweiterten das Netzwerk kontinuierlich. Beispiele für diese Projekte finden sich in dem Handbuch „Arnsberger ‚Lern-Werkstadt’ Demenz – Handbuch für Kommunen“.
Martin Polenz
Telefon: 02932 - 20 12 206
Mail
» „Lernwerk-Stadt Demenz“
Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.
Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune
Stand: Oktober 2011 |
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Martin Polenz
Stadt Arnsberg
Zukunftsagentur | Fachstelle Zukunft Alter
Lange Wende 16a
59755 Arnsberg
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