Bertelsmann Stiftung

Arnsberg - Potenziale Älterer nutzen

Demographie-Profil:

Bundesland, Landkreis

Nordrhein-Westfalen, Hochsauerlandkreis

Bevölkerung (31.12.2009)

74.805

Entwicklung 2002-2009 (in %)

-3,3

Entwicklung 2009-2030 (in %)

-12,6

Räumliche Einordnung

Verstädterte Räume - Gemeinde in ländlichem Kreis

Demographietyp

Stabile Mittelstädte und regionale Zentren mit geringem Familienanteil

Ausgangslage/Problemstellung:

  • Anfang der 1990er Jahre konnte Arnsberg noch von der Zuwanderung aus den neuen Bundesländern und dem Ausland profitieren, doch in den letzten Jahren ist die Einwohnerzahl aufgrund der rückläufigen Geburtenzahlen kontinuierlich gesunken.
  • Dagegen stieg zwischen 1987 und 2003 der Anteil der über 60-Jährigen von 15,7 auf 19,4 Prozent an. Insbesondere die Gruppe der Hochaltrigen wird immer größer: Bis 2020 werden 47 Prozent mehr Arnsberger der Gruppe der 80+ angehören.
  • Bereits Mitte der 1990er Jahre begann in Arnsberg die Auseinandersetzung mit der Frage: „Wie möchtest Du leben, wenn Du älter bist?“ 28.000 Menschen über 50 Jahren wurden seinerzeit aufgefordert, sich an der Gestaltung ihrer Lebenswelt aktiv zu beteiligen. Der Beteiligungsprozess machte deutlich, dass es „die Generation der Senioren“ gar nicht gibt. In den Fokus der kommunalen Seniorenpolitik rückten drei Generationen mit ihren unterschiedlichen Lebensplanungen und Bedarfen.
  • Die Bevölkerungsgruppe der Menschen in der zweiten Lebenshälfte ist sehr heterogen. Alt zu sein beinhaltet heute einerseits die Chance (und Herausforderung) Potenziale, Erfahrungen, Wissen, Kompetenzen und freie Zeitressourcen zu nutzen und möglicherweise in bürgerschaftlichen Engagement einzubringen. Andererseits kann eine höhere Lebenserwartung auch von nachlassender Mobilität und eingeschränkter Gesundheit geprägt sein.
  • Um Engagementpotenziale einerseits zu nutzen und andererseits die Lebensqualität von hilfs- und pflegebedürftige Menschen in Arnsberg langfristig zu sichern, musste die Stadt die Verantwortung für eine zunehmende Daseinsvorsorge und Netzwerkstruktur übernehmen. Diese beiden Komponenten entwickelten sich zum Schwerpunkt der Seniorenpolitik in Arnsberg.

Ziele:

  • Die Potenziale, das Wissen und die Erfahrung der älteren Generation für die Bürgergesellschaft nutzbar zu machen.
  • Wohnortnahe Netzwerkstrukturen und Wohnformen unter Berücksichtigung und Stärkung der Selbsthilfe und Selbstorganisation zu gestalten und fachlich zu unterstützen.
  • Entsprechende Konzepte und Projekte zu koordinieren und in Kooperation mit den  „Experten in eigener Sache“ sowie unterschiedlichsten Trägern zu entwickeln und umzusetzen sowie bestehende Angebote und Dienstleistungen zu vernetzen und transparent zu machen.  

Strategie:

  • Mit der Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes „Zukunft Alter“ sind bereits vielfältige neue Formen des Zugangs von Älteren zum bürgerschaftlichen Engagement eröffnet worden. Es hat sich als Motor und Ideenpool bewährt.
  • Basis der Seniorenpolitik ist eine Netzwerkstruktur mit allen ortsansässigen Partnern.
  • Bestandteil des Konzeptes ist auch die Sicherstellung der Qualifizierung und Weiterbildung älterer Menschen für das bürgerschaftliche Engagement.

Meilensteine:

  • Bürgerbeteiligungsprozesse zur Frage „Wie möchte ich leben, wenn ich älter bin?“ erfolgten durch Bürgerbefragungen, Zukunftswerkstätten, offene Planungswerkstätten, Bürgerforen, Perspektivenwerkstätten, Exkursionen, Symposien, Vorträge, Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen der bürgerschaftlich engagierten Menschen.
  • Enge Kooperation mit allen ortsansässigen Bildungsträgern, seniorenrelevanten Vereinen, Verbänden, Institutionen, Initiativen und Organisationen.
  • Neuausrichtung der Seniorenpolitik als bürgerorientierte Planung
  • Entwicklung und konsequente Fortschreibung des Konzeptes „Arnsberger-Senioren-Netzwerk“
  • Evaluation der Ergebnisse und entsprechende Anpassung der weiteren Konzeptentwicklung
  • Entwicklung und konsequente Fortschreibung des Konzeptes „Zukunft Alter“, zuletzt im Mai 2006.

Akteure:

  • Politik
  • Verwaltung
  • Seniorenbeirat und seine sechs dezentralen Bezirksgruppen
  • Themenorientierte Projektgruppen
  • Externe Projekt-Beratung
  • Interessierte Bürger
  • Wissenschaftliche Begleitung

Umsetzung:

  • Mit der neuen Ausrichtung ihrer Seniorenpolitik beschreitet die Stadt einen innovativen Weg. Das Konzept fördert in Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, engagierten Senioren und Seniorenbeirat das bürgerschaftliche Engagement und vernetzt die unterschiedlichen Initiativen und Projekte miteinander.
  • Dabei haben die einzelnen Akteure folgende Aufgaben:
    • Die Verwaltung unterstützt, moderiert und steuert mit der Koordinierungsstelle „Zukunft Alter“ und der Koordinationsstelle „Bürgerschaftliches Engagement“ das Projektmanagement. Dazu gehört die Bereitstellung von Räumlichkeiten mit entsprechenden medientechnischen Ausstattungen, die Übernahme des Versicherungsschutzes sowie logistische und organisatorische Unterstützung. Weiterbildung und Qualifizierung im Hinblick auf Engagementaufgaben ist selbstverständlicher Standard geworden.
    • Die Senioren führen in Selbstorganisation zahlreiche Projekte in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen durch. Dabei beraten, unterstützen und stärken sie sich gegenseitig mit ihren unterschiedlichsten Kompetenzen und Interessen.
    • Der Seniorenbeirat hat sich vom formellen Beteiligungsgremium zu einer parteiunabhängigen Interessenvertretung für die ältere Generation entwickelt. Selbstorganisation und Eigenständigkeit ist ein erklärtes Ziel des Beirates. Die Bürgernähe erreicht der Seniorenbeirat durch sechs dezentrale Bezirksräte und neun themenorientierte Arbeitskreise, die von rund 100 aktiven Bürgern unterstützt werden.
  • Beispiele für selbstorganisierte Projekte:
    • Wissen-Können-Handeln - Generationen verbinden
    • Akademie 6 bis 99
    • Notfallflyer
    • Fit durch Joga im Alter
    • Entwicklung und Gestaltung eines Sinnesgartens
    • Kinder, Küche und Kompott
    • Aktionsprogramm „Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“
    • SOL-Internetcafes und Senioren-Computerclubs und -treffs (5 dezentrale Standorte, ca. 60 Multiplikatoren und ca. 600 Nutzer
    • Arnsberger Seniorenzeitung SICHT
    • Arnsberger-Stadt-Musikanten
    • Sucht im Alter
    • Geschichtswerkstätten mit Schulen und Archiven
    • Senioren-Ratgeber-Seniorenwegweiser
    • Computer-Reparatur und Wartungs-Werkstatt – eine Dienstleistung für den Fachbereich Schule und Jugend
    • Initiativen und Vereine für ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben im Alter
    • Wohnberatung
    • Projekte – Patenschaften von Mensch zu Mensch
    • Intergenerative Projekte
  • Mit Hilfe des bundesweiten Modellprojektes EFI-Erfahrungswissen für Initiativen soll die Selbstorganisation von Senioren weiter gestärkt werden. Das Qualifizierungsprojekt bildet Senioren zu Senior-Trainern aus, die dann ihr Wissen und ihre Erfahrung in bürgerschaftliche Projekte einfließen lassen und so als Multiplikatoren dienen.
  • Im Fokus der öffentlichen Planungen stehen seit einigen Jahren auch innovative Angebote für Menschen mit Demenz und Alzheimererkrankungen und ihre Angehörigen. Das Modellprojekt „Memory-Haus“ als Wohnform für Menschen mit Demenz und ihre gesunden Partner ist in den vergangen Jahren in einer Planungswerkstatt entwickelt worden. In Kooperation mit allen Dienstleistern, Organisationen, Krankenhäusern etc. wird zur Zeit an einem lokalen Bündnis für Familien zum Thema: „Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“ gearbeitet.
  • Als Plattform für Austausch und neue Ideen gibt es seit 2006 das Dialog-Forum „Demographie zum Mitreden!“ in dem unterschiedlichste Kooperationspartner Themen des demographischen Wandels zur Diskussion stellen.
  • Im September 2006 hat die „Akademie 6 bis 99 für Kinder, SeniorInnen, Jugendliche, Erwachsene“ ihre Arbeit aufgenommen. Unter dem Motto „Wissen - Können - Handeln: Generationen verbinden“ sollen die Angebote Freude am lebenslangen Lernen bei Alt und Jung wecken. Es ist ein innovatives, intergeneratives Bildungsprojekt des Berufskollegs Am Eichholz in Arnsberg in Kooperation mit der Koordinationsstelle „Zukunft Alter“ in Arnsberg.
  • Ein in 2006 erschienener „Notfallflyer“ fasst alle kurz- bis mittelfristigen Hilfs,- Pflege- und Betreuungsdiensten im Stadtgebiet Arnsberg zusammen. Der von IHK, DGB und dem Unternehmensverband Südostwestfalen unterstützte Flyer soll Unternehmen und betroffenen Arbeitnehmern Unterstützung bieten, wenn Eltern/Schwiegereltern von Angestellten kurzfristig Hilfe benötigen. Denn schon heute ist festzustellen, dass Ausfallzeiten aus diesen Gründen größer werden.
  • Im Projekt „Patenschaften von Mensch zu Mensch“ zeigt sich anschaulich, wie Generationensolidarität gelingen kann. Durch eine verlässliche Netzwerkstruktur zur Unterstützung von Familien soll dem ein oder anderen jungen Paar Mut gemacht werden eine Familie zu gründen oder auch eine Familie zu unterstützen, die mit der Pflege und Versorgung eines hilfsbedürftigen Menschen - gleich welcher Generation - überfordert ist.
  • Im Projekt „Generationen verbinden“ der Berufsfachschule Am Eichholz stellt man sich in der Berufsausbildung der Jugendlichen auf die „Neuen Märkte und neuen Kunden“ ein und bindet Erfahrungen Älterer in die Unterrichtsgestaltung ein. Dazu gehören Bewerbungstrainings und berufsvorbereitende Projekte, beispielsweise Einkochen wie in früheren Zeiten mit Hauswirtschaftsschülerinnen („Küche, Kinder und Kompott“) oder das Anlegen eines Sinnesgartens für Demenzkranke im Rahmen des Berufsgrundschuljahres. Dabei geht es auch darum, die Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Bürgerbeteiligung:

  • Immer mehr ältere Arnsberger engagieren sich freiwillig. Die Zahl der kreativen Menschen mit ihren Ideen, Initiativen, Vereine, Projekte und Organisationen wächst zusehens. Die älteren Menschen leben gerne in dieser Stadt und sind immer häufiger bereit, auch für Andere und mit Anderen etwas in unserer Stadt zu bewegen.
  • Dazu gehört die Mitwirkung in Stadtteilmarketingprozessen und Stadtentwicklungsprojekten, an Zukunfts- und  Planungswerkstätten zu Fragen der Infrastruktur, Nahversorgung und Wohnungswirtschaft, im Fahrgastbeirat ÖPNV sowie das Engagement in Arbeitskreisen wie „Gewaltprävention“ oder „Sucht im Alter“.
  • Intergenerative Projekte, um Kinder und Jugendlich stark zu machen, gehören ebenso dazu wie Unterstützungsstrukturen für Behinderte und hilfsbedürftige Menschen.
  • Viele Projekte sind auf Geselligkeit, Lebensfreude, Kultur, Sport und Freizeitgestaltungen gerichtet und beugen auf diese Weise der Vereinsamung, Isolation und Inaktivität im Alter vor.
  • Offizielles Gremium zur Vertretung der Interessen älterer Menschen ist der Arnsberger Seniorenbeirat mit seinen dezentralen Bezirksgruppen.

Finanzierung:

  • Über Jahre hinweg besteht eine enge Kooperation mit dem Landesministerium NRW. Das Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen, Familien und Senioren unterstützte die Konzeptentwicklung durch Projektfördermittel und wissenschaftliche Begleitung in den vergangenen Jahren.
  • Einige der Projekte wie z. B. EFI oder der Aufbau einer Freiwilligenagentur wurden ebenfalls durch wissenschaftliche Begleitung und finanzielle Mittel vom Land NRW gefördert.
  • Die Haushaltsmittel für Projekte in der Seniorenarbeit sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Für 2007 stehen 12.900 Euro zuzüglich 5.000 Euro für das EFI-Projekt (s. o.) zur Verfügung. Der Seniorenbeirat verfügte darüber hinaus ebenfalls über einen eigenständigen Betrag in Höhe von jeweils 6.000 Euro zur Förderung der Seniorenarbeit in den einzelnen Stadtteilen.
  • Die Koordinationsstelle für Bürgerschaftliches Engagement verfügt ebenfalls über ein eigenes Haushaltsbudget.

Erfolge:

  • Mit der neuen Ausrichtung und Zielsetzung der Seniorenpolitik ist ein innovativer und zukunftsweisender Weg beschritten worden.
  • Die Gesellschaft in Arnsberg nimmt durch das bürgerschaftliche Engagement die Potenziale und Ressourcen der älteren Menschen wieder als Gesamtleistung einer Generation wahr. Dies führt zu einer Wertschätzung und Anerkennung und einem veränderten Altenbild. Das bislang weitgehend brachliegende gesellschaftliche Sozialkapital dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe wird der Solidargemeinschaft erschlossen.
  • Rechtzeitig mit den Bürgern gemeinsam zu planen, um die Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft zu meistern, ist inzwischen zur selbstverständlichen Pflichtaufgabe in der Stadt Arnsberg geworden.
  • Auch für die älteren Menschen ist diese Teilhabe ein großer persönlicher Gewinn. Gebraucht und gefragt zu sein, bedeutet Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
  • Für ihren gesamtstrategischen Ansatz, der Übertragbarkeit und des hohen Engagement der älteren Generation in Arnsberg ist das Arnsberger-Senioren-Netzwerk inzwischen mehrfach ausgezeichnet worden:
    • Im Oktober 2004 wurde die Stadt mit den 1. Platz des Otto-Mühlschlegel-Preises der Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart geehrt.
    • Im Januar 2005 erhielt sie vom Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung e. V. in Berlin die Auszeichnung „Soziale Stadt 2004“.
  • Ein weiterer Erfolg ist die erfolgreiche Initiierung eines Dialogs mit der jüngeren Generation sowie der Austausch von Wissen, Erfahrungen und Hilfsleistungen zwischen Alt und Jung.

Kontakt:

Marita Gerwin
Koordinationsstelle „Zukunft Alter“

Telefon: 02932/20 12 207

› Mail

 

Petra Vorwerk Rosendahl
Koordinationsstelle „Bürgerschaftliches Engagement“

Telefon: 02932 - 20 11 402

› Mail

 

Weitere Informationen:

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Demographie konkret – Handlungsansätze für die kommunale Ebene, Gütersloh 2004, S. 72-77

 

 

Um den Herausforderungen des demographischen Wandels gerecht zu werden bietet die Bertelsmann Stiftung » Workshops für Kommunen zu den Themen Demographie, Seniorenpolitik und Integration an.

 

Demographische Daten für Kommunen über 5.000 Einwohner finden Sie im » Wegweiser Kommune

 

 

 

Stand: November 2006

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